Zwei Akte in einem Spiel ohne Regeln
Die Justiz ist ein Uhrwerk, das sich nach den Regeln derer bewegt, die die Regeln schreiben. In diesem Fall tickt es mit der Präzision einer Schweizer Taschenuhr, während die Beteiligten – die Jugendlichen, die Beamten, die Ankläger – noch nicht ahnen, dass sie längst Figuren in einem Spiel sind, das sie nicht selbst erfinden durften. Zwei Fälle, zwei Altersgruppen, zwei Orte: Moree, ein Dorf in den ausgedörrten Weiten Neusüdwales, und Pardubice, eine Stadt in der flachen Mitte Europas, wo einst die Fabriken der Tschechoslowakei die Welt mit Maschinen füllten. Heute brennen sie – oder werden angezündet, je nachdem, ob man den Blick auf die Flammen oder auf die Akte wirft.
Der erste Fall ist ein Lehrstück in Sachen digitaler Radikalisierung, wie sie in den Algorithmen der sozialen Medien geboren wird und in den Köpfen von Teenagern heranwächst, die noch nicht wissen, dass sie bereits Teil eines größeren Mechanismus sind. Die Polizei spricht von „violent extremist material“, doch was genau diese Materialien sind, bleibt vage – wie immer, wenn der Staat sich auf das Unfassbare berufen muss, um seine eigene Handlungsfähigkeit zu demonstrieren. Ein ballistics-style vest, Notizbücher mit handschriftlichen Notizen, ein 15-Jähriger, der „knowingly collects“ und ein 16-Jähriger, der „posses[s]“ – die Sprache der Anklage ist kalt, fast klinisch, als würde sie sich weigern, die menschliche Dimension dieser Taten zu benennen. Dabei ist es genau diese Dimension, die den Fall interessant macht: Zwei Jungen, die in einer Welt aufwachsen, in der Hass und Gewalt nicht mehr nur abstrakt sind, sondern sich in Likes und Shares, in verschlüsselten Chats und in den leeren Augen von Influencern manifestieren. Die Polizei spricht von „extremist references“ – doch wer definiert, was extremistisch ist? Wer entscheidet, wann ein Gedanke, ein Bild, eine Notiz die Grenze zum Verbrechen überschreitet? Die Antwort liegt nicht in den Akten, sondern in den ungeschriebenen Protokollen derer, die sie ausstellen.
Der zweite Fall ist ein Akt der geopolitischen Symbolpolitik, verpackt in die Sprache des Terrorismus. Zwei Polen in ihren frühen Zwanzigern, beschuldigt, ein „terrorist act“ begangen zu haben – nicht aus persönlicher Überzeugung, sondern als Handlanger einer Gruppe, die sich selbst als „international underground network“ bezeichnet. Die Earthquake Faction, so ihr Name, ist ein Phantasma, ein Kollektiv ohne Gesicht, das sich auf die Moral derer beruft, die es nicht gibt: die Opfer des israelischen Militärs. Die Anklage wirft ihnen vor, ein Feuer gelegt zu haben, doch das eigentliche Feuer war schon lange zuvor entfacht worden – in den Debatten über Waffenexporte, in den sozialen Medien, in den Köpfen jener, die sich als Gerechte sehen und doch nur die Spielregeln anderer übernehmen. Die LPP Holding, ein tschechisches Unternehmen, das mit Elbit Systems zusammenarbeitet, wird zum Sündenbock stilisiert, obwohl die eigentliche Frage lautet: Warum sollte ein Feuer in einer Fabrik in Pardubice die Welt verändern? Die Antwort liegt nicht im Material, das verbrannt ist, sondern in dem, was danach bleibt: die Angst, die Wut, die Gewissheit, dass Gewalt immer eine Antwort ist – selbst wenn sie keine Lösung bringt.
Beide Fälle haben eines gemeinsam: Sie sind keine Einzelfälle, sondern Symptome eines größeren Systems. In Moree geht es um die Frage, wie ein Staat mit Jugendlichen umgeht, die in einer Welt aufwachsen, in der Hass und Gewalt zur Normalität werden. In Pardubice geht es um die Frage, wie eine Gesellschaft mit denen umgeht, die sich als Kämpfer für eine vermeintliche Gerechtigkeit inszenieren – während die eigentlichen Mechanismen der Gewalt weiterlaufen. Die Justiz handelt, die Medien berichten, die Politik kommentiert – doch niemand fragt die eigentlichen Fragen: Warum radikalisieren sich junge Menschen? Warum greifen sie zu Feuer und Notizbüchern, statt nach Lösungen zu suchen? Warum wird aus einem Algorithmus ein Attentat, aus einer Idee ein Brand?
Die Antworten liegen nicht in den Akten, sondern in den ungeschriebenen Verträgen der Macht. Sie liegen in den Lücken zwischen den Zeilen, in den Blicken der Beamten, in den Notizen der Ankläger, in den leeren Augen der Jugendlichen, die plötzlich zu Tätern werden, ohne es wirklich zu wollen. Die Justiz wird ihre Arbeit tun. Die Medien werden weiter berichten. Die Politik wird weiter reden. Und irgendwo in den Hinterzimmern der Macht wird man sich fragen, ob es nicht längst zu spät ist, um die Regeln zu ändern – bevor das nächste Schachspiel beginnt.