UN: Millionen Kinder sterben an vermeidbaren Ursachen
Manchmal frage ich mich, ob wir nicht alle nur Zuschauer in einem schlechten Theaterstück sind, das niemand abschaffen will. Die Römer haben ihre Kriege geführt, die Deutschen ihren, die Amerikaner werden bald ihren haben – und wir? Wir sitzen hier und tippen die Nachrichten, während die Welt sich langsam, aber sicher in eine neue Form der Barbarei schminkt. Gestern war es wieder so eine Meldung: „Friedensverhandlungen in München“. Ja, natürlich. Als ob man Frieden verhandeln könnte wie einen Fleischmarkt. Die einen sitzen da mit ihren Zigarren und ihren teuren Anzügen und reden von „Ehre“, während draußen die Fabriken qualmen und die Kinder in den Gassen nach Brot betteln. Und die Presse? Die Presse druckt es ab, als wäre es ein Rezept für Apfelkuchen.
Ich erinnere mich an die Depression. Nicht an die, die die Bücher beschreiben, sondern an die, die ich selbst gerochen habe – den Gestank von leeren Magen und leeren Versprechungen. Damals haben die Leute noch geglaubt, dass die Regierung sie retten würde. Heute wissen sie es besser. Oder zumindest ein bisschen. Die Leute hier in der Redaktion flüstern sich zu, dass es bald wieder Krieg geben wird. Nicht den großen, epischen Krieg, wie ihn die Dichter beschreiben, sondern diesen kleinen, sauberen Krieg, den man mit Zahlen und Protokollen abwickelt. Ein Krieg, bei dem die ersten Opfer nicht die Soldaten sind, sondern die Wahrheit. Die Wahrheit, dass man lügen kann, solange man genug Leute hat, die nicht nachfragen.
Gestern Abend, als ich die letzte Seite korrigierte, kam der neue Volontär rein – jung, naiv, mit diesen großen Augen, als hätte er noch nie etwas Schlimmes gesehen. Er fragte mich, ob ich glaube, dass die Demokratie überleben wird. Ich habe ihm eine Zigarette gegeben und gesagt: „Kinder, die Demokratie ist wie ein alter Mann auf der Straße – sie kann noch ein paar Schritte gehen, aber sie wird nicht mehr tanzen.“ Er hat mich angestarrt, als hätte ich ihm gerade gesagt, dass die Welt untergeht. Vielleicht geht sie ja. Vielleicht geht sie schon unter, nur langsam, wie ein Schiff, das Wasser nimmt, ohne dass jemand es merkt.
Draußen, im Regen, geht ein Mann vorbei, der eine Zeitung hält. Ich kann nicht sehen, was draufsteht, aber ich kenne das Spiel. Die Schlagzeilen werden immer größer, die Worte immer leerer. „Frieden“, „Sicherheit“, „Fortschritt“ – alles nur Worte. Die Römer haben ihre Straßen gebaut und ihre Kolosse. Wir bauen unsere Bomben und unsere Börsen. Und irgendwo in all dem Lärm singt Evelyn immer noch ihr Lied. Vielleicht ist das das Einzige, was bleibt: die Musik, die niemand mehr hört.
Ich tippe weiter. Die Schreibmaschine stottert. Irgendwann wird sie ganz aufhören. Vielleicht dann, wenn die Welt auch aufhört. Oder vielleicht erst dann, wenn jemand kommt und sie mitnimmt – als Museumstück. Für die Kinder, die in fünfzig Jahren fragen werden, wie man damals noch geschrieben hat, bevor alles in Pixel zerfiel.
Und ich? Ich werde hier sitzen bleiben, mit dem Bourbon in der Schublade und dem Regen an der Scheibe. Die Geschichte wird sich wiederholen, wie sie es immer tut. Aber diesmal, so denke ich, wird sie es mit Stil tun.