Urmia brennt – und die Welt guckt zu
Der Himmel über Urmia ist kein Himmel mehr. Er ist ein offenes Buch, in dem jemand mit Tinte aus Feuer schreibt. Seit gestern Nachmittag, als die ersten Bomben wie schwarze Tauben über die Stadt kreisten, hat sich die Luft verdickt. Nicht mit Rauch allein – nein, mit dem Gestank von verbranntem Fleisch, zerschmettertem Holz und dem metallischen Husten der Kanonen, die noch immer knurren wie hungrige Hunde hinter einer Mauer. Die Römer hätten sich die Szene angeschaut und gesagt: „Also das ist Fortschritt.“ Und sie hätten recht gehabt. Fortschritt in der Kunst, Menschen zu quälen, ohne dass man ihnen die Augen auskratzen muss.
Die Angriffe kamen ohne Vorwarnung. Kein Trommeln, kein Horn, nur dieses dumpfe Brrrr, als würde jemand mit einem riesigen Hammer gegen die Stadt schlagen. Die Luftschutzbunker – wenn sie überhaupt vorhanden sind – sind Löcher in der Erde, in denen man sich zusammenkauert wie Ratten. Die meisten Urmianer stehen jetzt auf den Straßen, starren in die Flammen und fragen sich, ob sie heute noch Zeit haben, ihre Kinder zu küssen, bevor sie sterben. Die Kinder. Die kleinen, mit Kohlestaub beschmierten Gesichter, die nach Zimt und Angst riechen. Wo sind die Rettungstrupps? Ach ja, die Rettungstrupps. Die gleichen, die gestern noch über die Leichen von gestern hinweggetreten sind, um die von heute zu bergen.
Die Stadt ist ein Labyrinth aus Trümmern. Die Moscheen, die einst die Stimme Gottes verkündeten, sind jetzt nur noch Ruinen, in denen man die Schreie der Verletzten hört. Die Krankenhäuser? Überlaufen. Die Ärzte? Erschöpft. Ein Mann namens Ali, der noch vor einer Stunde ein Schneider war, liegt jetzt mit einem Arm in Gips und einem Blick, der sagt: „Ich hätte lieber die Hand verloren als mein Geschäft.“ Die Frauen tragen die Verletzten auf den Schultern, während die Männer mit rostigen Schaufeln versuchen, die Toten von den lebenden zu trennen. Es ist ein Albtraum, der sich langsam in Realität auflöst.
Und die Welt? Die Welt redet. Nicht mit Mitleid, nicht mit Hilfe – nein, mit Kommentaren. „Die Iraner haben doch selbst Schiiten und Sunniten im Nacken, warum jammern sie?“, steht es irgendwo. „Das ist doch nur ein kleiner Krieg, oder?“, fragt ein anderer. Ein kleiner Krieg? Ein kleiner Krieg ist, wenn man zwei Tauben streichelt und eine davon vergiftet. Das hier ist ein Krieg, bei dem man ganze Städte vergiftet, damit die anderen merken, wer hier das Sagen hat. Und die anderen? Die anderen sitzen in ihren warmen Büros, trinken Kaffee und tippen Berichte, die so kalt sind wie die Bomben, die gerade Urmia in Schutt und Asche legen.
Die Rettungsmaßnahmen? Ein Hohn. Ein paar Sanitäter, ein paar Lastwagen, ein paar Männer mit verbundenen Augen, die versuchen, Ordnung in das Chaos zu bringen. Die Leichen werden in Massengräber geworfen wie Abfall. Die Verletzten werden auf Strohsäcken abgelagert, während die Ärzte mit verbundenen Händen operieren, weil sie sonst keine Zeit haben, sich um die eigenen Augen zu kümmern. Die Stadt stinkt nach Blut und Pisse. Die Straßen sind voller Kinder, die um Brot betteln, während ihre Mütter weinen. Und irgendwo in der Ferne hört man das Klirren der Gläser in einem Café, wo die Herren der Welt ihren Whisky trinken und über „die Lage“ diskutieren.
Manche sagen, das sei der neue Krieg. Kein Krieg der Helden, kein Krieg der Ehre – nein, ein Krieg der Maschinen, der Bomben, der Zahlen. Ein Krieg, in dem man nicht mehr kämpft, sondern nur noch zuschaut, wie die Welt in Flammen aufgeht. Die Römer hätten gesagt: „Die Götter sind grausam.“ Die Menschen von Urmia wissen es jetzt. Und sie wissen auch, dass niemand kommen wird, um ihnen zu helfen. Nicht heute. Nicht morgen. Vielleicht nie.
Die Sonne geht unter über Urmia. Sie taucht die Trümmer in ein rotes Licht, als würde jemand mit einem Pinsel über die Stadt streichen. Irgendwo singt eine Frau. Ihre Stimme ist heiser, zerbrochen wie das Glas der zerborstenen Fenster. Sie singt von Liebe. Von etwas, das es hier nicht mehr gibt.
Und die Bomben fallen weiter.