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URMIA BRENNT – WER ZÄHLT DIE TRÜMMER?

17. April 2026 — — Morrison, over and out.

Die Sonne steht tief über Urmia, als würde sie sich weigern, den Tag zu beenden. Draußen regnet es in Schüben, wie ein betrunkener Postbote, der die Briefe nicht mehr sortieren kann. In der Redaktion riecht es nach verbranntem Papier und dem billigen Bourbon, den wir uns leisten können, wenn die Chefin mal wieder die Gehälter streichen lässt. Die Schreibmaschine klackert wie ein verrücktes Pferd, und irgendwo unten im Café singt Evelyn einen alten Jazz – vielleicht „Body and Soul“? Oder war es „Stardust“? Es kommt mir vor wie immer. Nur dass heute die Luft nach Schießpulver und Desinfektionsmittel riecht.

Die Iranische Rote Halbmond-Gesellschaft hat die Katastrophe gemeldet: Ein Luftangriff auf Wohnhäuser in Urmia. Bilder zeigen, wie Mauern wie Pappmaché in sich zusammenbrechen, während Rettungskräfte mit verbundenen Augen durch die Trümmer wühlen. „Signifikante Schäden an Gebäuden“, heißt es. Klingt fast schon diplomatisch. Als ob man sagen wollte: „Ja, es ist schlimm, aber wir können es nicht so schlimm nennen, dass die UNO die Finger davon lässt.“ Wie viele Verletzte? Unklar. Wie viele Tote? Unbekannt. Die Zahlen fehlen. Immer fehlen sie. Als ob die Toten erst dann zählen, wenn sie auf dem Friedhof liegen und jemand eine Kerze anzündet.

Urmia liegt an der Grenze zu Türkei und Irak – ein Ort, an dem sich die Luft seit Jahren wie ein schlechter Komplott anfühlt. Die Türkei beobachtet. Der Irak starrt. Und irgendwo da draußen, wo wir nicht hinschauen dürfen, fliegen Drones. Nicht zum ersten Mal. Nicht zum letzten Mal. Die Römer haben ihre Kriege mit Legionen geführt. Wir führen unsere mit ferngesteuerten Metallvögeln, die wie Wespennester über den Häusern schweben und dann – zack – die Welt in Stücke reißen.

Die Bilder aus Gaza vom Vortag haben mir den Magen umgedreht. Eine Wohnung über einem Restaurant. Ein Feuerball. Menschen, die schreien. „Vermutlich ein israelischer Drohnenangriff“, steht da. Vermutlich. Als ob das Wort „vermutlich“ die Wahrheit küssen würde. Als ob wir nicht alle wissen, wer die Finger am Abzug hat. Und doch: Wer zählt die Leichen? Wer fragt nach den Namen der Kinder, die heute unter den Trümmern begraben wurden? Die Römer haben ihre Kriege mit Legionen geführt. Wir führen unsere mit Algorithmen und Schweigen.

Und jetzt Urmia. Ein weiterer Tag, an dem die Welt zuschaut, wie eine Stadt in Schutt und Asche versinkt. Die Iranische Regierung spricht von „über 80.000 zerstörten Wohnungen“ – eine Zahl, die wie ein schlechter Witz klingt. Als ob man sagen würde: „Ja, wir haben 80.000 Häuser verloren, aber schaut mal, wie stark wir sind!“. Stärker als die Trümmer? Stärker als die Leichen? Die Trümmer reden nicht. Die Leichen auch nicht.

Die Rettungskräfte arbeiten im Regen. Die Kameras filmen. Die Politiker reden. Und irgendwo in Teheran sitzt ein Mann mit einem Anzug, der zu teuer für diese Welt ist, und überlegt, wie man die nächste Runde des Zirkus verkaufen kann. Die Depression der Dreißigerjahre war nur eine Wirtschaftskrise. Das hier ist eine Krise der Menschlichkeit. Die Römer haben ihre Kriege mit Legionen geführt. Wir führen unsere mit Lügen und halbgaren Zahlen.

Evelyn singt immer noch. Irgendwo. Irgendwann. Vielleicht ist das das Einzige, was bleibt: die Musik, die weiterläuft, während die Welt um uns herum in Flammen aufgeht.

Und wir? Wir tippen weiter. Wir schreiben weiter. Wir zählen weiter. Die Trümmer von Urmia werden nicht die letzten sein. Aber sie sind die nächsten. Und die nächsten. Und die nächsten.

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