Dampf ohne Feuer, Krebs mit Verspätung
1937. Die Wissenschaft verspricht viel. Ich notiere.
In Seoul haben sie viereinhalb Millionen Menschen beobachtet. Nicht im Labor, nicht an Mäusen, sondern an Menschen, die atmen, die Fragebögen ausfüllen, die hoffen, dass die Gewohnheit von gestern nicht die Diagnose von morgen ist. Yeon Wook Kim und seine Kollegen von der Seoul National University haben zwischen 2018 und 2023 genau hingeschaut. Das ist löblich. Das ist selten.
Die Zahl, die durch die Zeitungen geistert, lautet: sechsundfünfzig Prozent. Um diese sechsundfünfzig Prozent erhöht sich das Risiko, an Lungenkrebs zu sterben, wenn man das Rauchen aufgibt — und dann zur E-Zigarette greift. Im Vergleich zu jenen, die ganz aufhören. Die ganz aufhören. Die Disziplinierten. Die, denen ich neidvoll die Pfeife überreiche.
Vier Komma fünf Millionen. 35.887 Lungenkrebsfälle. 12.807 Tote. Das sind die Koordinaten, an denen ich mich orientiere. Koreanische Daten, koreanische Gewohnheiten, koreanische E-Zigaretten. Ich sage das, weil Wissenschaft nicht im Vakuum stattfindet. Ein Mensch in Seoul dampft mit anderer Chemie, anderer Hitze, anderem Lungenschnitt. Kim selbst sagt das. Er sagt, man könne keine Kausalität beweisen. Er sagt, weitere Studien seien nötig. Er sagt, dass diese Zahlen nicht zwingend für andere Orte gelten. Ein ehrlicher Forscher. Ich notiere auch das.
Was bleibt? Eine Korrelation. Eine, die mich an alte Bekannte erinnert. An die zwanziger Jahre, als die Zigarette als ärztlich empfohlenes Beruhigungsmittel galt. An die fünfziger Jahre, als die Filterzigarette als Lösung verkauft wurde — und der Krebs mitwanderte in die tieferen Bronchien. An die achtziger Jahre, als die Light-Variante kam und der Lungenkrebs sich beim Adenokarzinom gemütlich einrichtete. Jede Generation bekommt ihre Erleichterung. Jede Erleichterung bekommt ihre Nachsaison.
Eine externe Expertin, nicht beteiligt an der Studie, sagt es deutlich: E-Zigaretten sind nicht so risikoarm, wie ursprünglich behauptet. Wer aufhören will, soll zuerst andere Methoden versuchen. Pflaster, Kaugummi, Beratung, Willenskraft, Gebet — die alte Reihenfolge. Die E-Zigarette als letzte Karte, nicht als erste.
Was in der E-Zigarette steckt: Chemikalien, die mit DNA-Schäden in Verbindung gebracht werden. Oxidativer Stress. Epigenetische Veränderungen. Entzündungen im Atemwegsgewebe, im Mundgewebe. Die übliche Liste der Beschwerden, die kein einzelner Stoff verursacht, sondern das Gemisch. Wie damals beim Teer. Wie immer beim Gemisch.
Ich sage nicht, dass Dampfen gleich Rauchen ist. Kim sagt das auch nicht. Die externe Stimme sagt das auch nicht. Wer dampft statt raucht, hat vermutlich ein geringeres Risiko als der, der beides tut oder beim Alten bleibt. Das ist die nüchterne Wahrheit in der Mitte, die selten in Schlagzeilen steht.
Aber ich sage, was ich seit dreißig Jahren sage: Glaube der ersten Beruhigung nicht. Die E-Zigarette wurde als harmlos vermarktet. Von der Industrie, von manchen Forschern, von Politikern, die eine schnelle Lösung für eine langsame Sucht wollten. Jetzt, eine Dekade später, beginnt die Rechnung. Wie bei der Filterzigarette. Wie beim Asbest. Wie bei allem, was im weißen Kittel daherkommt und das Versprechen mitbringt, billig und sauber zu sein.
Vier Komma fünf Millionen. Eine Zahl, die man sich merken sollte. Nicht weil sie beweist, was sie zu beweisen scheint — sondern weil sie erinnert, dass Beweise Zeit brauchen. Kim spricht von Langzeitstudien. Ich spreche von Langzeitgeduld. Die Konzerne sprechen von Langzeitgewinn.
Die Pfeife glüht. Das Labor mag das nicht. Ich bin jetzt Journalist.
Wird die nächste Studie zeigen, was diese nur ahnen ließ? Und wer bezahlt sie diesmal?