War in Ukraine
Manche sagen, es sei wie im letzten großen Gemetzel, als die Kanonen so laut schossen, dass man die Schreie der Verwundeten nicht mehr hörte. Damals dachten die Leute auch, es sei das Ende. Damals dachten sie, die Römer hätten die letzte Schlacht gewonnen. Heute sitzen wir hier, und die Bomben fallen nicht mehr aus der Luft, sondern aus den Lautsprechern der Propagandisten. Die Leute nicken, als hätte man ihnen gerade die Wahrheit serviert, statt eine Portion Lügen mit Sauerkraut. Die Depression war ein trockener Winter, dieser Krieg ist ein Sommer, der nie endet – nur dass es hier keine Ernte gibt, nur Asche.
Gestern noch hat man mir erzählt, wie ein Mann in München einen anderen mit einer Axt erschlagen hat, nur weil der andere ein bisschen zu laut gelacht hat. Ein anderer Typ, ein ehemaliger Soldat, hat sich vor dem Spiegel gestanden und gefragt, ob er noch ein Mensch ist. Die Antwort war ein Flackern im Spiegel – wie bei allen, die zu lange in den Spiegel der Geschichte schauen. Die Römer haben ihre Kriege auch mit Moral begründet. Die Deutschen auch. Die Amerikaner auch. Es ist immer dasselbe Theater, nur mit anderen Kulissen.
Draußen regnet es weiter. Die Straßenlaternen werfen lange Schatten, als würde die Stadt versuchen, sich selbst zu verstecken. Irgendwo da draußen, in einem der vielen Büros, wo die großen Entscheider sitzen, wird gerade über die nächste Runde des Zirkus nachgedacht. Sie werden sich fragen, wie sie die Massen noch länger bei Laune halten können. Vielleicht mit mehr Paraden, mehr Reden, mehr Lügen. Vielleicht mit einem neuen Feind, den man erfinden muss, weil die alten schon zu lang im Ofen der Geschichte gebraten wurden.
Ich habe gestern einen alten Mann getroffen, der behauptete, er habe im Ersten Weltkrieg noch mit dem Pferd gedroschen. Er sagte, es sei einfacher gewesen, als jetzt, wo alles zu schnell geht und niemand mehr weiß, was wirklich passiert. Er hatte recht. Damals hat man noch Zeit gehabt, die Pferde zu füttern. Heute füttert man die Maschinen, und die fraßen schon die letzten Reste von Menschlichkeit.
Evelyn singt jetzt etwas von einem Schiff, das nie ankommt. Vielleicht ist das die Wahrheit. Vielleicht ist alles nur ein Schiff, das irgendwo auf dem Meer treibt, während die Passagiere sich streiten, wer das Ruder führt. Die Römer haben ihr Reich mit Beton und Blut gebaut. Die Deutschen auch. Die Amerikaner auch. Irgendwann wird das Schiff sinken. Irgendwann wird der Regen aufhören. Bis dahin sitzen wir hier, schreiben unsere Berichte, trinken unseren Bourbon und warten darauf, dass jemand uns sagt, es sei endlich vorbei.
Aber es ist nicht vorbei. Es ist nur eine Pause. Eine dieser Pausen, in denen man denkt, man könnte aufatmen, bevor der nächste Akt beginnt. Die Geschichte ist kein Buch mit einem Ende. Sie ist ein Zyklus. Ein Kreislauf aus Blut und Lügen. Und wir? Wir sind nur die Typen, die die Seiten umblättern, während die Welt weiter brennt.