Was ist Zeit?
*Der Regen trommelt ein leises Stakkato gegen die Fensterscheibe. Wieder ein grauer Donnerstag in einer grauen Stadt. Der Kaffee in meiner Tasse ist kalt, genau wie die Spur im Kowalski-Fall.* Also will jemand meine Meinung zur Zeit hören. Zur Zeit, verdammt nochmal. Nicht zu den Zeiten — die sind schlecht genug, das weiß jeder Kerl hier auf der Straße — sondern zur Zeit selbst. Zu diesem unsichtbaren Ding, das uns alle auffrißt wie eine Motte einen billigen Wollmantel. zündet sich eine Lucky Strike an Augustinus hat's vor langen Jahren auf den Punkt gebracht, und ich schätze den Mann dafür, auch wenn ich sonst nicht viel mit Heiligen am Hut habe: Wenn mich niemand fragt, weiß ich, was Zeit ist. Fragen sie mich aber, weiß ich's plötzlich nicht mehr. Genau das ist das Problem mit den wirklich großen Dingen in dieser Welt. Liebe. Gerechtigkeit. Wahrheit. Zeit. Man lebt darin wie in einer Wohnung, bis jemand fragt, wieviel Quadratmeter sie hat — und dann steht man da wie ein Idiot im Treppenhaus. Nun hat ein gewisser Ekkehard Peik, Physiker, ein Mann mit weißem Kittel und vermutlich einer tadellosen Armbanduhr, seine Karriere damit verbracht, die Sekunde zu sezieren. Seit 1967, erklärt man mir, schwingt ein Cäsiumatom neun Milliarden zweihundert zweiundzwanzig Millionen siebenhundert sechs Mal pro Sekunde — und das ist jetzt die Sekunde. Nicht das Schlagen einer Kirchturmuhr, nicht der Lauf der Sonne, nicht das Gefühl von Dienstagabend wenn der Bourbon zur Neige geht. Nein. Ein Atom. Das schwingt. starrt aus dem Fenster, wo die Lichter des Blue Moon Cafes durch den Nebel scheinen Ich denke an Mrs. Kowalski, meine Vermieterin, die jeden Mittwoch die Miete eintreibt mit der Pünktlichkeit eines Schweizer Uhrwerks und der Herzlichkeit eines Steuerprüfers. Ich denke an die Jungs an der Front, die ich kenne — die haben mir erzählt, dass eine Stunde im Schützengraben länger ist als ein ganzes friedliches Jahr. Cäsium weiß davon nichts. Das schwingt einfach weiter, blind und gleichgültig, neun Milliarden Mal pro Sekunde, egal ob jemand lacht oder stirbt. Peik forscht jetzt an der Atomkernuhr. Noch präziser. Noch genauer. GPS braucht das, Stromnetze brauchen das, die Klimaforschung braucht das — sie messen damit das Schmelzen der Gletscher, sagt man mir, auf den Millimeter genau. Die Erde verliert ihr Eis, und wir schauen mit der präzisesten Uhr der Geschichte zu. Sehr schön. Sehr gründlich. Der Patient blutet aus und wir haben endlich ein Stethoskop, das keinen Herzschlag überhört. nimmt einen langen Zug, der Rauch kräuselt sich zur Decke Das Seltsame ist folgendes: Je genauer wir die Zeit messen, desto weniger verstehen wir sie. Die alten Griechen hatten die Sonnenuhr und kannten Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft. Wir haben das schwingende Cäsium und fragen uns immer noch, ob die Zeit überhaupt fließt oder ob sie einfach ist — ein Block aus dem alle Momente gleichzeitig existieren, von der Geburt bis zum letzten Atemzug, nur dass wir sie der Reihe nach erleben wie ein Kinogänger, der nicht weiß, dass der Film schon längst aufgespult ist. lehnt sich zurück, der Stuhl ächzt seine müde Warnung Ich schaue auf die Remington. Die Tasten sind abgewetzt von Jahren schlechter Nachrichten. Irgendwo in der Stadt stirbt gerade jemand, wird jemand geboren, verliebt sich jemand auf die denkbar bescheuertste Weise. Das Cäsium schwingt. Und ich sitze hier und tippe über die Zeit, während sie mir zwischen den Fingern zerrinnt wie Whiskey durch ein rissiges Glas. Peik wird seine Atomkernuhr bauen. Noch eine Dezimalstelle genauer. Noch eine Kommastelle näher an der perfekten Sekunde. Und der alte Augustinus dreht sich im Grab um und lächelt, weil er's gewusst hat: Die Antwort auf die Frage macht das Rätsel nur größer. drückt die Lucky Strike aus, greift nach der Flasche