Wenn der Staat nichts arbeitet
*Der Regen trommelt ein leises Stakkato gegen die Fensterscheibe, ein Rhythmus so vorhersehbar wie die schlechten Nachrichten, die der Zeitungsjunge mir jeden Morgen vor die Tür wirft, als wollte er mich persönlich für den Zustand der Welt bestrafen.* Wieder ein grauer Samstag in dieser Stadt, die niemals schläft, aber oft so aussieht, als hätte sie einen gewaltigen Kater, den man auch mit dem stärksten Kaffee nicht wegspülen kann. Der Kaffee in meiner Tasse ist mittlerweile so kalt wie die Versprechungen eines Politikers drei Minuten vor dem Wahlsieg, und der Bourbon in meiner Schublade flüstert mir zu, dass es eigentlich noch zu früh ist, um die Flasche zu öffnen – aber wer hört schon auf einen Whiskey, der selbst nur noch zur Hälfte da ist und dessen Etikett mehr Flecken hat als meine Weste? lehnt sich zurück, der Stuhl ächzt eine müde Warnung Nun, da draußen gibt es einen Mann namens Hans-Jürgen Papier. Ein ehemaliger Verfassungsrichter, einer von diesen Männern in langen Roben, die eigentlich dafür bezahlt werden, die Regeln zu hüten, während der Rest von uns versucht, sie zu biegen, ohne dass die Handschellen klicken. Und dieser Papier, er hat ein paar Zeilen in die Welt gesetzt, die so scharf sind wie das Rasiermesser eines Barbiers, der seit drei Tagen kein Auge mehr zugetan hat. Er sagt, die Regierung in Berlin – oder wo auch immer diese Leute heute ihren Kaviar löffeln und so tun, als würden sie das Land verstehen – verweigert die Staatsführung. Staatsführung. Ein gewaltiges Wort für etwas, das eigentlich so grundlegend sein sollte wie das Steuern eines Ford Model T durch eine regennasse Gasse, ohne dabei die Mülltonnen oder die Passanten mitzunehmen. Aber anstatt das Lenkrad selbst in die Hand zu nehmen, schieben sie es lieber einer Kommission zu. *zündet sich eine Lucky Strike an, der Rauch kräuselt sich träge zur Decke* Wissen Sie, Kommissionen sind eine feine Sache, wenn man seine Verantwortung so weit verteilen will, dass am Ende kein einzelner Name mehr übrig bleibt, den man auf die Anklagebank setzen kann, wenn die ganze Sache im Graben landet. Es ist wie in einem Billardzimmer in der South Side, wo jeder den Queue hält, aber niemand die Kugel stoßen will, weil man ja daneben treffen könnte und dann die Zeche zahlen müsste. Also gründet man einen Ausschuss, um die Neigung des Tisches und die Rundung der Kugeln zu untersuchen, während das Spiel längst vorbei ist und die Lichter ausgehen. Papier sagt, sie lagern die Politik aus. Man holt sich Experten, setzt sie in bequeme Sessel und lässt sie Berichte schreiben, die so dick sind wie das Telefonbuch von Manhattan, nur um sie dann in einer Schublade verschwinden zu lassen, die wahrscheinlich direkt neben meiner versteckten Whiskeyflasche liegt. Das Problem ist nur: Meine Schublade ist wenigstens für etwas gut, während deren Schubladen nur das schlechte Gewissen der Nation beherbergen. Meine Vermieterin, die gute Mrs. Higgins, hat neulich auch so etwas wie eine Kommission gegründet. Wir hatten einen Rohrbruch, drei nasse Keller und eine Menge schlechter Laune. Anstatt den Klempner zu rufen, hat sie uns alle im Flur zusammengerufen, um über die „philosophischen Implikationen von fließendem Wasser in Innenräumen“ zu debattieren. Drei Tage später hatten wir ein Protokoll auf feinstem Briefpapier, aber immer noch nasse Füße und kein warmes Wasser. So ähnlich muss es sich in den großen Büros der Macht anfühlen. Man delegiert das Denken an Leute, die nicht gewählt wurden, um Entscheidungen zu treffen, die eigentlich diejenigen treffen sollten, die ihre Gesichter auf die Wahlplakate kleben lassen, um uns Vertrauen vorzugaukeln. Es ist eine Flucht vor der eigenen Unterschrift, ein feiger Rückzug ins Dickicht der Paragrafen und Gremien. Wer nicht führt, kann nicht stolpern, denken sie wohl. Aber wer nur dumm rumsteht, blockiert den Weg für alle anderen, die eigentlich irgendwohin wollen, bevor der nächste Sturm losbricht. *starrt aus dem Fenster, wo die Neonlichter des Blue Moon Cafes durch den Nebel flackern wie die Augen eines Raubtiers* Manchmal frage ich mich, ob es überhaupt noch jemanden gibt, der bereit ist, den Kopf hinzuhalten, wenn der Wind sich dreht. Oder ob wir alle nur noch Zuschauer in einem schlechten Theaterstück sind, bei dem die Hauptdarsteller mitten in der Szene die Bühne verlassen, um sich von einem Berater erklären zu lassen, wie man einen Satz zu Ende spricht, ohne jemanden zu verärgern. Papier hat recht, verdammt noch mal. Eine Regierung, die Angst vor ihrer eigenen Macht hat und sich hinter Kommissionen versteckt wie ein Schuljunge hinter dem Rockzipfel seiner Mutter, ist wie ein Pokerspieler, der seine Karten nicht sehen will, weil er Angst hat, dass er verlieren könnte. Aber in diesem Spiel geht es nicht um Streichhölzer oder ein paar Dollar, sondern um das Vertrauen von Millionen, die langsam merken, dass die Bank gar keine Karten mehr austeilt. *tippt die letzte Zeile, nimmt einen kräftigen Schluck vom kalten Kaffee und verzieht das Gesicht, als hätte er Batteriesäure getrunken* Am Ende des Tages bleibt nur der Bericht, ein Haufen bedrucktes Papier und das bittere Gefühl, dass wir alle im selben kalten Wasser sitzen, während oben die Debatte über die Farbe der Rettungsringe in die nächste Runde geht. Ein schmutziges Geschäft, diese Politik, und die wirklich ehrlichen Worte findet man meistens nur noch bei denen, die nichts mehr zu verlieren haben – oder bei alten Richtern, die keine Lust mehr haben, das Spiel mitzuspielen. schüttelt langsam den Kopf, drückt die Zigarette im vollen Aschenbecher aus Morrison, over and out.