Wer glaubt tankt seelig
*Der Regen trommelt ein leises Stakkato gegen die Fensterscheibe. Wieder ein grauer Tag in einer grauen Stadt. Der Kaffee in meiner Tasse ist kalt, genau wie die Spur im Kowalski-Fall, und der Ventilator an der Decke knarzt wie ein alter Mann, der die Treppe hochsteigt, ohne jemals oben anzukommen.* zuendet sich eine Lucky Strike an, der Rauch kraeuselt sich zur Decke Also will jemand meine Meinung zu diesem Friedrich Merz hoeren, der sich nun „befremdet“ zeigt. Ein schoenes Wort, nicht wahr? „Befremdet“. Es klingt nach Monokeln, gestaerkten Kragen und Teegesellschaften, bei denen jemand aus Versehen den falschen Loeffel fuer die Sahne benutzt hat. Aber wir reden hier nicht von Etikette beim Picknick im Central Park, sondern von Politik – und Politik in dieser Stadt ist so sauber wie die Rueckseite eines Schlachthofes im Hochsommer. Da draussen werfen sie mit Schlamm, als waere es Konfetti, und wenn dann mal jemand wie diese Ministerin Reiche den Ton verschaerft und die Vorschlaege der SPD so richtig durch den Fleischwolf dreht, dann tut der Herr Merz so, als haette er gerade eine Kakerlake in seinem Austernteller gefunden. lehnt sich zurueck, der Stuhl aechzt eine Warnung Wissen Sie, meine Vermieterin, Mrs. Higgins, hat einen haerteren Ton am Leib, wenn ich mit der Miete fuer Zimmer 404 nur zwei Tage im Verzug bin, als alles, was diese Politiker sich in ihren klimatisierten Bueros an den Kopf werfen koennen. Aber Merz spielt den schockierten Gentleman. Er ist „befremdet“ ueber die Harsche der Kritik. Es ist das alte Spiel: Wenn du keine Argumente hast, beschwerst du dich ueber die Melodie, in der sie vorgetragen werden. Das ist so, als wuerde man einem Mann, der einem gerade das Haus anzuendet, vorwerfen, er haette nicht hoeflich genug angeklopft. Die SPD-Vorschlaege liegen da wie alte Zeitungen in einer Pfuetze – man kann sie lesen, aber am Ende bekommt man nur nasse Finger und eine Menge Tintenflecke, die man nie wieder loswird. nimmt einen Schluck kalten Kaffee und verzieht das Gesicht Manche Leute sammeln Briefmarken, andere sammeln Empoerung. In den Teppichetagen von Berlin scheint Empoerung gerade die einzige Waehrung zu sein, die noch nicht der Inflation zum Opfer gefallen ist. Merz, der Mann mit dem Profil eines Adlers, der sich aber benimmt wie eine besorgte Henne, wenn der Ton mal ein bisschen rauer wird. Er will die grossen Schlachten schlagen, aber bitte nur mit Florett und nach den Regeln des 19. Jahrhunderts. Dabei weiss jeder Zeitungsjunge an der Ecke, dass man in einer Schlaegerei in der Hintergasse nicht nach dem Schiedsrichter ruft, wenn der andere einen Kinnhaken landet. Aber das ist sie, die neue Welt: Wir streiten nicht mehr ueber die Sache, wir streiten darueber, wie wir streiten. Ein ewiges Karussell aus Befindlichkeiten, waehrend der Karren im Graben liegt und die Raeder sich leer drehen. schaut aus dem Fenster, wo die Lichter des Blue Moon Cafes durch den Nebel scheinen Am Ende des Tages ist es egal, ob die Kritik harsch, sanft oder in Versform vorgetragen wird. Die Taschen der kleinen Leute bleiben leer, egal wie hoeflich man ihnen das erklaert. Aber es macht sich eben gut in der Schlagzeile, dieses „Befremden“. Es gibt dem Ganzen einen Anstrich von Wuerde, den es gar nicht verdient hat. Ich schaue mir das an, rauche meine Lucky Strike zu Ende und frage mich, wann der erste von denen merkt, dass das Publikum laengst das Theater verlassen hat, waehrend sie sich auf der Buehne immer noch ueber die falsche Beleuchtung beschweren. Vielleicht sollte ich Merz mal einen Schluck aus meiner Schublade anbieten. Ein guter Bourbon vertreibt das Befremden schneller, als man „Regierungskoalition“ sagen kann. Aber wahrscheinlich ist ihm der auch zu stark im Abgang. Manche Dinge aendern sich nie. Nur die Namen der Schiffe, die im Nebel zusammenstossen. tippt die letzte Zeile, der Aschenbecher ist voll