WOLFE UND WÄCHTER – WIE DIE ZIVILISATION SICH SELBST FRISST
Der Wolf war schon tot, als die Frau in der Passage aufschrie. Oder vielleicht nicht. Die Hamburger Umweltbehörde flüstert von „wahrscheinlich“, als wäre das ein Trost. Als ob „wahrscheinlich“ ein Sarg wäre, der noch ein bisschen Rauch ausstößt. Der Sender des Tieres hat seit Tagen geschwiegen. Kein Knurren, kein Flüstern, kein letztes, verzweifeltes Heulen. Nur Stille. Die Art von Stille, die man kennt, wenn man weiß, dass etwas Lebendiges für immer verschwunden ist – und dass die Welt es einfach weiterdrehen lässt.
Denn wer zählt schon einen Wolf? Nicht die Politik. Nicht die Behörden. Nicht die Leute, die in den Cafés unten sitzen und ihren Kaffee trinken, während draußen der Regen auf die nassen Straßen prasselt wie ein Metronom der Gleichgültigkeit. Die Frau in der Passage? Die hat eine Narbe. Eine echte, blutige Narbe. Und die Stadt? Die hat eine Lücke in der Überwachung. Eine Lücke, die groß genug ist, um einen Wolf hindurchschlüpfen zu lassen – und dann wieder verschwinden zu lassen, als wäre nichts passiert.
Marius Borg Høiby sitzt in Haft. Nicht weil er ein Verbrechen begangen hat. Sondern weil er ein Kronprinzensohn ist. Und weil die norwegische Justiz offenbar denkt, dass Regeln für andere gelten – aber nicht für die, die auf dem Thron sitzen. Der Mann hat einen Gesundheitsantrag gestellt. Ein Antrag auf eine Fußfessel. Nicht weil er fliehen will. Sondern weil er krank ist. Weil er nicht in einem Zellenblock verrotten soll wie ein verdammter Hund. Und was tut der Oberste Gerichtshof? Er lehnt ab. Wieder. Und wieder. Als wäre die Gesundheit eines Menschen ein Spielzeug, das man nur dann ernst nimmt, wenn es sich für die politische Kulisse eignet.
Die Justiz ist kein Wächter. Sie ist ein Zirkus. Und Høiby ist nur ein Clown in der Show. Ein Clown, der zu viel weiß. Zu viel über die Lücken. Zu viel über die Willkür. Zu viel über die Tatsache, dass ein System, das so etwas zulässt, längst krank ist.
Kemi Badenoch redet von „Job- und Wohlstandsgefährdung“ in Aberdeen South. Eine britische Politikerin, die sich in die Angelegenheiten anderer einmischt wie ein Besserwisser in einem fremden Garten. Aber was verbirgt sich wirklich hinter ihren Worten? Ist es wirklich nur um Wirtschaftsgüter? Oder steckt mehr dahinter? Steckt da die Angst vor dem, was passiert, wenn man die Augen öffnet? Wenn man sieht, dass die Natur keine Barmherzigkeit kennt – und dass die Politik noch weniger hat?
Die Römer bauten ihre Mauern, um die Barbaren draußen zu halten. Die Deutschen bauten ihre Zäune, um die Wölfe draußen zu halten. Aber die Wölfe kommen trotzdem. Und sie fressen. Und die Mauern bröckeln. Und die Zäune reißen. Und die Politik? Die Politik sitzt da und trinkt ihren Kaffee. Und wartet darauf, dass das nächste Heulen kommt.
Am Ende bleibt nur eine Frage. Eine Frage, die niemand beantworten kann. Eine Frage, die in der Luft hängt wie der Geruch von verbranntem Papier in einer leeren Redaktion. Eine Frage, die nach Mitternacht kommt, wenn die Straßen leer sind und das Licht der Cafés unten erloschen ist.
Wer wacht eigentlich über die Wächter?