Zivilopfer im Iran
*Der Regen trommelt ein leises Stakkato gegen die Fensterscheibe. Wieder ein grauer Samstag in einer grauen Stadt. Der Kaffee in meiner Tasse ist kalt, genau wie die Spur im Kowalski-Fall.* Also will jemand meine Meinung zu Iran hoeren. Zum Krieg. Zu Zivilisten, die man mit dem freundlichen Euphemismus "Kollateralschaden" beerdigt. zuendet sich eine Lucky Strike an Nun, Meinungen sind wie Schnapsglaeser in dieser Stadt - jeder hat eins, und die meisten sind leer. Meiner ist noch halb voll. Glueck gehabt. Ich hab Maenner mit Orden an der Brust und leeren Augen reden hoeren. Ueber notwendige Opfer. Ueber strategische Ziele. Ueber den grossen Plan. der Rauch kraueselt sich zur Decke Der grosse Plan sieht immer gleich aus, wenn man sich tief genug bueckt: ein Schuhkarton in der Erde, ein Name, den keiner mehr ausspricht, weil es wehtut. Und drueber: frische Erde, und irgendwo ein General, der sich den naechsten Orden verdient. Persien. Mesopotamien. Wie man es auch nennt, es ist alt, verdammt alt, und muede vom Brennen. Kinder spielten dort auf denselben Strassen, auf denen ihre Grossvater spielten, bevor jemand entschied, dass diese Strassen strategisch bedeutsam seien. *lehnt sich zurueck, der Stuhl aechzt eine Warnung* Strategisch bedeutsam. Was fuer ein praechtig kaltes Wort fuer: hier wohnen Menschen. Wohnten. Meine Vermieterin, die Mrs. Kowalczyk unten im dritten Stock, haelt manchmal Fotos ihrer Familie in Lodz hoch. Zeigt sie mir durch den Tuerspalt, wenn sie nicht sicher ist, ob ich zahlen werde. Die hatten auch Strassen. Spielende Kinder. Dann kamen die strategischen Interessen. schnaubt Die Geschichte wiederholt sich. Erst als Tragoedie, dann als Tagesschau-Meldung, dann als nichts, weil die naechste Schlagzeile schon wartet. Die Maennern, die die Befehle geben, schlafen gut. Das ist keine Vermutung, das ist Physiologie. Das Gewissen ist ein weicher Muskel - je weniger man ihn benutzt, desto weicher wird er. Irgendwo in einem klimatisierten Raum, weit weg vom Geruch von verbranntem Beton und dem Schreien, das aufhoert, drueckt jemand Knoepfe und nennt es Praezision. nimmt einen Schluck Bourbon Praezise bis auf die naechsten drei Hausbloecke, wuerde ich sagen. Aber ich bin nur ein mueder Schreiber mit einer Flasche, die sich leert. Was mich wirklich kirre macht? Nicht der Krieg selbst - der Krieg ist so alt wie die Dummheit, und die ist unsterblich. Was mich kirre macht, ist das Tempo, mit dem wir wegsehen. Heute Iran, gestern Gaza, vorgestern Ukraine - die Karte flimmert, die Schlagzeilen wandern, und wir wenden uns dem naechsten Spektakel zu wie Kinder vor einem Schaufenster. *starrt aus dem Fenster, wo die Lichter des Blue Moon Cafes durch den Nebel scheinen* Unten wischt sie die Tische ab. Weiss nichts von Koordinaten und Zielerfassungssystemen. Lebt ihr Leben. Wie all die anderen, ueber die wir so leicht hinwegtippseln, wenn der Ticker rattert. Der Bourbon brennt angenehm. Draussen rattert eine Strassenbahn vorbei. Irgendwo in Teheran, in einem Haus, das noch steht, sitzt vielleicht jemand wie ich - muede, zynisch, mit einem Glas in der Hand - und tippt ueber den Wahnsinn der Welt. Oder er sass dort. Bis jemand entschied, dass das Viertel strategisch bedeutsam sei. drueckt die Lucky Strike aus, greift nach der Flasche Die wirklich schmutzigen Geheimnisse stehen nie in der Zeitung. Meistens jedenfalls.