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26. März 2026

Dossier · Migration & Asyl

EU-Migrationspolitik: Spannungsfelder zwischen Grenzsicherung und Menschenrechten

26. März 2026 · aus dem Archiv

**"Die Zäune sind schon hoch genug. Wir zählen die Namen, die an ihnen zerbrechen."**

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Die Zahlen sagen nichts. Nicht über die 26 Prozent weniger Schleppertransporte, nicht über die leeren Unterkünfte in Wien, wo einst Familien saßen und jetzt nur noch die Heizung knistert wie ein letzter Hauch von Hoffnung. Die Zahlen sagen nichts über die Männer, die in der Nacht an der Grenze stehen und flüstern: *„Die Österreicher schießen nicht mehr. Sie schieben nur.“* Und sie sagen nichts über die Kinder, die in Italien in Hafenkneipen der NGO-Schiffe sitzen und zählen, bis sie nicht mehr zählen können.

Ich habe *Amir* kennengelernt. Er war 17, als er mit einem Schlauchboot über die Adria kam. Die Italiener nahmen ihn nicht auf. Sie schoben ihn zurück. Zweimal. Dann zum dritten Mal. Diesmal blieb er hängen – nicht an Land, sondern im Meer. Die Rettungsinsel, die ihn endlich aufnahm, war überfüllt. Die Crew redete mit ihm. Sie fragten nicht nach Papieren, nicht nach Herkunft, nicht nach Gründen. Sie fragten nur: *„Hast du Hunger? Durst? Eine Jacke?“* Amir sagte nichts. Er starrte aufs Wasser und zählte die Wellen, bis sie sich in seinem Kopf zu einer Frage formten: *„Warum retten sie die anderen, aber nicht mich?“*

Die Antwort liegt in den Hafenverordnungen Italiens. Die Regierung hat die Regeln geändert, damit Schiffe wie die *Sea-Watch* oder *Lifeline* nicht mehr anlegen dürfen. Die NGOs? Sie werden kriminalisiert. Die Medien? Sie schweigen oder drucken nur noch Statistiken. Aber die Menschen im Wasser? Die zählen nicht. Nicht für die Statistiker, nicht für die Politiker, nicht für die, die die Zäune höher ziehen und die Grenzen verschließen.

Ich habe *Fatima* beraten. Sie kam aus Syrien, hatte ein Baby im Arm und einen Mann, der in einem anderen EU-Land festsaß – weil das Dublin-System ihn an Österreich ausgeliefert hatte. Sie war im dritten Monat schwanger, als sie erfuhr, dass ihr Partner nach Ungarn weitergeschoben wurde. *„Sie sagen, er ist in Sicherheit“,* flüsterte sie. *„Ich weiß nicht, was das bedeutet. Aber ich weiß, dass es nicht ‚sicher‘ ist.“* Die Beamten in der Asylunterkunft winkten ab. *„Das ist kein Dublin-Fall“,* sagten sie. *„Sie hat keine Chance.“* Fatima fragte nicht nach Paragrafen. Sie fragte nur: *„Wo ist mein Mann?“*

Die Antwort liegt in den 68 Millionen Euro, die die EU Frontex geben will, um die Grenzen noch besser zu sichern. Die Antwort liegt in den Pushback-Videos, die niemand zeigen darf. Die Antwort liegt in den Leichen, die an den Küsten der Balearen oder auf der Peloponnes gefunden werden – ohne Namen, ohne Geschichten, ohne dass jemand sie vermisst hat.

Ich habe *Karim* getroffen. Er war mit 15 von Afghanistan geflohen. Die Österreicher nahmen ihn auf, aber nicht wegen der Menschenrechte. Nicht wegen der UN-Konvention. Sie nahmen ihn auf, weil er ein Kind war. *„Ich war ihr letzter Fall“,* sagte er mir. *„Sie haben mir gesagt, ich soll mich nicht mehr melden. Dass sie keine mehr wollen.“* Karim zählt die Tage, bis er 18 wird. Dann ist er kein Kind mehr. Dann ist er nur noch ein Fall. Ein Statistikpunkt. Ein Name in einem System, das Menschen wie ihn nicht mehr braucht.

Die EU plant Migrationslimits. Sie reden von 40.000 Plätzen. Das ist ein Hohn. Vor dem Krieg in der Ukraine kamen monatelang über 100.000 Menschen pro Monat nach Europa. Jetzt reden sie über Zahlen, als wären Menschen austauschbare Pakete. Als wäre die Entscheidung, ob jemand lebt oder stirbt, eine Frage der Logistik.

Ich habe den Koffer unter meinem Schreibtisch. Darin sind die Akte von *Amir*, das Foto von Fatima mit ihrem Baby, das Zettel mit Karims Unterschrift. Die Zahlen sagen nichts. Aber die Namen sagen alles. Sie sagen, dass Europa sich selbst die Maske vom Gesicht reißt – nicht mit Gewalt, nicht mit Geschrei, sondern mit Stillschweigen. Dass es keine Grenzen gibt, die hoch genug sind. Dass es keine Mauern gibt, die Menschen halten. Dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die nächsten Namen dazukommen. Und bis wir alle schreien. Zu spät.

❖ Ende des Artikels ❖

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