EU-weite Krisen im Migrations- und Asylmanagement: Finanzierungslücken und illegale Pushbacks
**"Sie zählten die Menschen, dann zählten sie die Hunde."**
Es war ein kaltes Novembermorgen in Sofia, als ich in einem leeren Gemeinschaftszentrum saß und wartete. Gegenüber hockte ein Mann namens Hassan, 28, aus Syrien. Er hatte einen Rucksack voller Papiere, die niemand wollte: ein Visum für die Türkei, das nie eingelöst wurde, ein Polizeibericht aus Beirut, der ihn als „verdächtig“ einstufte. Die bulgarischen Grenzbeamten hatten ihn nicht einmal registriert. Sie hatten nur gewartet, bis die Hunde kamen. Die Hunde mit den schwarzen Masken, die an den Leinen zerrten. Die Hunde, die nach Angst schnüffelten.
Hassan erzählte, wie sie ihn in den Wald trieben, als die Sonne unterging. „Sie bellen, die Hunde. Nicht wie Tiere. Wie Menschen, die sagen: *Geht. Geht jetzt.*“ Die ersten waren noch halbwillig gelaufen. Die anderen weinten. Ein Kind, vielleicht fünf Jahre alt, hatte die Hand seiner Mutter festgehalten und geflüstert: „Mama, warum riechen die so?“ Die Beamten lachten. Die Hunde knurrten. Das Kind rannte allein los.
--- Die EU spricht von „Strukturreformen“. Die EU spricht von „effizienteren Verfahren“. Die EU unterschreibt Verträge mit Ländern, die Menschen wie Pakete behandeln – und wenn die Pakete nicht mehr passen, werden sie zurückgeschickt. Kroatien, das jetzt die EU-Ratspräsidentschaft hat, hat offiziell erklärt, dass es „illegale Migranten“ an der Grenze „zurückhalten“ wird. Das ist kein Scherz. Das ist ein Paragraf. Paragraph 15 der Dublin-III-Verordnung, der besagt, dass ein Staat Asylsuchende an den ersten sicheren Ort zurückschieben darf. Nur: Kroatien ist nicht sicher. Die Küste ist nicht sicher. Die Menschen, die dort ankommen, wissen das. Sie haben es auf ihren Fluchten gelernt.
Ich erinnere mich an den Winter 2015, als die Bilder von Leichen am griechischen Strand gingen. Damals schrieb jemand: „Europa hat die Türen geschlossen. Es hat die Schlüssel weggeworfen.“ Heute wirft Europa die Schlüssel nicht mehr weg. Heute zählt es die Schlüssel. Und dann zählt es die Schlösser, die nicht mehr passen. Die EU-Kommission arbeitet an einer „Asylpaket-Reform“. Das klingt nach einem Kochrezept. Aber Asyl ist kein Gericht. Es ist ein Menschenrecht. Und Menschenrechte lassen sich nicht nach Paragrafen abmessen.
--- In Athen sitzt ein Mann namens Alex. Er ist Grieche. Vor zwei Jahren hat er bei Frontex gearbeitet. Er hat an der Grenze zu der Türkei gedient. „Wir wurden angehalten“, sagt er. „Die Beamten zeigten uns Filme. Filme von Pushbacks. Sie sagten: *So geht’s. Aber nicht hier. Nicht hier sehen sie es.*“ Alex zeigt mir eine E-Mail. Darin steht: „Operation *Silent Step* – keine Spuren, keine Zeugen.“ Keine Spuren. Als ob Menschen, die zurückgeschoben werden, keine Spuren hinterlassen würden. Kein Kind, das weint. Kein Mann, der schreit. Kein Leben, das zerbricht.
Die EU sagt: „Wir müssen die Grenzen schützen.“ Stimmt. Aber Schutz ist nicht Gleichsetzung mit Gewalt. Schutz ist nicht, Menschen wie Tiere zu behandeln. Schutz ist nicht, die Menschenrechte eines Kontinents an den Grenzen auszugrenzen. Die Finanzierungslücken sind real. Die illegalen Pushbacks sind real. Aber die Lösung liegt nicht darin, die Menschen zu zählen, die vor uns fliehen. Die Lösung liegt darin, zu zählen, wie viele Menschen wir noch als Menschen behandeln wollen.
--- Ich habe einen kleinen Koffer unter meinem Schreibtisch. Für alle Fälle. Aber die Fälle, die ich kenne, sind keine Fälle mehr. Sie sind Geschichten. Geschichten von Menschen, die an Grenzen stehen. Geschichten von Menschen, die zurückgelassen werden. Geschichten von einem Europa, das sich selbst fragt: Wie weit darf es gehen?
Die Antwort steht schon da. Sie steht in den Paragrafen. Sie steht in den Hunden. Sie steht in den Kindern, die allein laufen.
**— Marta Silber**
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