ZWISCHEN WERK UND WOLKEN – WO KEINER WEISS, WOHIN
Der Rauch aus der Schublade ist echt. Der Bourbon daneben auch. Die Schreibmaschine hämmert, und das Klicken klingt wie die Republik selbst – irgendwas funktioniert, irgendwas knirscht, und man weiß nie genau, was.
Deutschland, Frühjahr vierundzwanzig. Vielleicht fünfundzwanzig. Die Uhr an der Wand geht nicht mehr richtig, seit jemand die Batterie aus dem Asylbewerber-Antrag gestohlen hat – einer jener kleinen Akte, die zeigen, wie das Große ins Kleine kippt. Also reden wir über das Große.
Die Konjunktur, sagen sie, sei „durchwachsen." Das ist Beamten-Deutsch für: Wir haben keine Ahnung. Die Schätzungen variieren wie die Aussagen betrunkener Zeugen vor Gericht. Der eine sagt plus ein halbes Prozent. Der nächste sagt minus. Der dritte hat die Zahlen aus dem letzten Quartal mit dem übermorgigen Wahltrend verwechselt, und keiner merkt es. Fabriken brummen wieder, Auftragsbücher füllen sich, die Werkstatt am Niederrhein stellt wieder Pleuelstangen her, als gäbe es morgen noch Verbrenner. Aber die Dienstleister – die Friseure, die Berater, die Kanzleien, die Boutiquen – schauen in den Regen und zählen Münzen. Das ist die Schizophrenie einer Volkswirtschaft, die gleichzeitig Spätzle kocht und den Herd verkauft.
In den Chefetagen flüstert man von der vierten industriellen Revolution. Schöner Begriff. Hat man auch bei der dritten gesagt, und bei der zweiten. Damals, als die Spinning Jenny die Weber in Nottingham hungern ließ, hat auch keiner zugehört. Heute flüstert die künstliche Intelligenz das gleiche Versprechen: Produktivitätsgewinne! Ein Quantensprung! Schöner Nebel. Denn wer die Gewinne einstreicht, das sagen die Versprechen natürlich nicht. Die Maschinen, die 1925 die Fabriken fraßen, gehörten am Ende denen, die die Fabriken besaßen. Die Algorithmen von morgen werden den Besitzern gehören. Wem sonst. Der Rest darf weiterhin Daten produzieren und hoffen, dass das Gnadenbrot digital wird.
Berlin versucht derweil, den Faden nicht zu verlieren. Eine neue Förderung für Elektroautos ist angekündigt – man möchte die Werkshallen über die nächste Wahl retten, koste es, was es wolle. Die Subvention ist die ehrliche Währung dieser Republik. Wenn die Konjunktur wackelt, wird nicht etwa der Staat erfunden, sondern der Staat bezahlt. Ob damit ein Akku in Stuttgart oder ein Akku in Shenzhen entsteht, steht in keinem Förderbescheid. Die Buchhalter zählen die Stellen, nicht die Herkunft.
Gleichzeitig – und hier beginnt das Theater hinter der Bühne – liefert sich die Hauptstadt ein Trauerspiel um die Außenpolitik. Sicherheit, wohin? Europa, wohin? Niemand in der Regierung will es genau sagen. Die AfD hat versucht, Bundestagspräsidentin Bärbel Bas aus dem Amt zu jagen. Man stelle sich das vor: die stärkste Oppositionskraft, die parlamentarisch die zweithöchste Repräsentantin des Staates absägen will, weil ihr das Staatliche selbst nicht passt. Es ist der Versuch, die Hydra zu köpfen, in der Hoffnung, dass ein neuer Kopf freundlicher schaut. Die Hydra schaut gleich.
Unterdessen tritt Brüssel das neue Asylrecht in Kraft. Strenger, heißt es. Solidarischer, sagen sie. Das sind die zwei Lieblingsadjektive der EU: streng und solidarisch. Meistens bedeutet das eine mehr Grenzpersonal und das andere mehr Papier. In der Sache aber – und das ist die Wahrheit, die in keiner Pressekonferenz fällt – ist das neue System ein Kompromiss auf Bewährung. Es trägt die Handschrift jener Beamten, die nachts wach liegen und sich fragen, ob die Dublin-Reform von 2013 jemals funktioniert hat. Die Antwort kennt niemand. Aber die Aktenordner sind voller.
Einer der Widersprüche, die in keiner Sonntagsrede auftauchen: Brüssel will gleichzeitig technologische Souveränität – schönes Wort, bedeutet: Wir wollen auch mitmischen – und die globale Vorherrschaft der amerikanischen und chinesischen KI-Modelle. Das eine schließt das andere aus, es sei denn, man nennt den Widerspruch „Strategie." In Brüssel heißt das dann „autonomer Pfad." In der Realität heißt es Google Translate, das auf einem Server in Irland läuft.
Während die Ministerien sortieren, was Souveränität sein könnte, geht das Leben weiter, und es geht manchmal sehr brutal zu Ende. In den Niederlanden hat ein Autofahrer eine Schülergruppe von Radfahrern gerammt. Mehrere Kinder tot. Die Maschine hat die Körper zermalmt, der Staat spricht von „tragischem Vorfall," und die Debatte beginnt, ob der Bordstein höher sein müsste, das Auto langsamer, das Rad verboten. Wie immer suchen wir den Hebel im Asphalt, nicht im Kopf. Es ist die alte Mechanik: Man repariert die Schraube, nicht das kaputte Getriebe.
Und dann die Plage, über die niemand schreibt, weil sie zu klein scheint für die Spalten, die von Kriegen leben: Insektenplagen belagern die Reporter der Fußball-Weltmeisterschaft. Mikrofone, Kameras, schwitzende Menschen – und der Schwarm. Die Reporter jagen Nachrichten, die Insekten jagen die Reporter. So sieht das wirkliche Bild der Welt aus: Alle jagen alle, und am Ende gewinnen die mit den meisten Beinen.
Was bleibt? Eine Republik, die ihre Werkbänke streichelt und ihre Dienstleister hungern lässt. Eine Regierung, die Förderbescheide schreibt, weil sie den Mut zu einer klaren Linie nicht hat. Eine Opposition, die das Parlament als Bühne missbraucht. Eine EU, die in zwei Sprachen gleichzeitig träumt – streng und solidarisch, souverän und abhängig. Und eine Welt, in der die Maschinen klüger werden, die Alten sich nicht einigen, und ein Autofahrer in Holland das tut, was die Geschichte immer tut: Sie fährt einfach weiter.
Spiel was Leises, Evelyn. Es wird schon wieder laut genug.