TRUMPS LECK UND IRANS LÜGE — DAS ÖL WEISS BESCHEID
Dreiundzwanzigster März. Der Bourbon ist kalt geworden, die Zigarette auch. Draußen riecht es nach Regen und Heizöl. Unten im Café singt Evelyn etwas von Schiffen, die nachts nicht mehr fahren. Sie hat Unrecht. Sie fahren wieder.
Donald J. Trump sitzt in Washington und schreit. Iran habe das Rahmenabkommen geleakt, sagt er. Die Details, die an die Öffentlichkeit gelangten, trügen „keine Beziehung zur Wahrheit". So steht es im Stenogramm, so steht es in den Schlagzeilen, so steht es in den Köpfen der Börsianer, die gestern noch panisch Short gingen und heute Limousinen bestellen. Die Börsianer, die sich dunkel an 1929 erinnern — nur dass damals die Panik echt war und die Profiteure im Keller saßen. Heute sitzen sie im Büro und klingeln.
Was ist passiert? Hört zu. Es lohnt sich.
Am siebenundzwanzigsten Februar haben die Vereinigten Staaten angefangen. Operationen. Worte wie „Operation" klingen nach Militär, nach Drohnen, nach dem Geräusch von etwas Großem, das in der Dunkelheit zuschlägt. Iran hat reagiert. Mehrere iranische Drohnen wurden abgeschossen. Über dem Wasser, vor der Küste, irgendwo zwischen den Ölterminals und den Versicherungsmathematikern, die in Echtzeit mitgerechnet haben, wie teuer ein Tanker wird, wenn er brennt.
Dann, vor wenigen Tagen, die Meldung, die alle haben wollten: ein Rahmenabkommen. USA und Iran. Wiedereröffnung des Suezkanals — der Schreiber dieser Zeilen hat dreimal hingeschaut, ja, Suez, nicht Hormuz, aber das ist ein anderes Kapitel im selben Buch. Und parallel, weil die Geographie ein Einsehen hatte, beginnen Schiffe, sich wieder durch die Straße von Hormuz zu bewegen. Sechzig Tage gebührenfreies Fenster, sagt der Entwurf. Sechzig Tage, in denen kein Tankerbesitzer einen Obolus entrichten muss für die Passage durch eine der wichtigsten Wasserstraßen der Welt. Sechzig Tage, in denen Reedereien atmen, Spekulanten rechnen, und in den Hauptquartieren der Ölmultis die Champagnerkorken knallen, leise, weil es schicklich ist.
Seit es Seefahrt gibt, wird um Wasserstraßen gefeilscht wie um die letzten Tische im Bordell. Die Akteure wechseln, die Methode bleibt. Sechzig Tage Freiheit, sechzig Tage, in denen die einen gewinnen, was die anderen verlieren — und am Ende, wenn die Maut wieder kassiert wird, werden alle so tun, als hätten sie es nicht kommen sehen.
Die Öl- und Gasmärkte reagierten positiv. Natürlich taten sie das. Das ist das Erste, was sie tun, wenn ein Krieg kurz unterbrochen wird: sie feiern. Die Tankerfahrten steigen, die Preise fallen, die Analysten schreiben das Wort „Entspannung" in ihre Berichte und meinen „wir haben verkauft, bevor der andere gekauft hat".
Aber Experten — und Morrison mag das Wort Experten, weil es so oft bedeutet: jemand, der gestern noch falsch lag — warnen. Volle Erholung der Schifffahrt und der Preise werde Monate dauern. Monate. Nicht Tage. Nicht Wochen. Monate, in denen Versicherer ihre Tabellen neu sortieren, in denen Reeder auf Probefahrten gehen, in denen die Anwälte der großen Häuser Klauseln lesen, die in Friedenszeiten niemand liest.
Und jetzt kommt der Teil, an dem die Schatten anfangen.
Trump beschuldigt Iran, das Abkommen geleakt zu haben. Die geleakten Details, so der Präsident, entsprächen nicht der Wahrheit. Das ist ein starker Satz. Das ist ein sehr, sehr starker Satz, wenn man bedenkt, dass noch vor wenigen Tagen der gleiche Präsident die sofortige Wiedereröffnung angekündigt hatte — um dann, zwei Sätze später, zu präzisieren: sie erfolge nach Unterzeichnung. Nach Unterzeichnung. Nicht vorher. Nicht gleichzeitig. Danach. Wer hat hier was an die Öffentlichkeit gegeben, und wer hat hier was an der Öffentlichkeit vorbei versprochen?
Quelle A sagt: das Abkommen ist nahe. Quelle B sagt: Iran ist nicht einverstanden. Beide sitzen in Washington, beide haben Quellen, beide haben Mikrofone, und beide haben gestern Abend besser geschlafen als der Redakteur der Terminal Tribune. In dieser Redaktion trinkt man Kaffee und raucht. In Washington trinkt man Widersprüche und verkauft Aktien.
Barack Obama, ehemaliger Präsident, bezweifelt, dass Trumps Abkommen besser sein werde als seines. Das ist keine Nachricht. Das ist ein Eröffnungszug in einer Schachpartie, die seit Jahren läuft. Jeder Deal mit Iran ist ein Deal gegen Obamas Deal. Jeder Verhandlungstag ist ein Wahlkampftag. Die Tanker schwimmen, aber die Wahlkampagnen schwimmen auch.
Und dann die Drohnen. Die abgeschossenen iranischen Drohnen. Wer hat sie geschickt? Waren es iranische Streitkräfte, die testen wollten, wie wachsam die Amerikaner sind? Waren es Stellvertreter, die einen Vorfall provozieren wollten, damit der Deal platzt? Waren es die Versicherer, die einen Vorfall brauchten, um ihre Prämien zu rechtfertigen? Man weiß es nicht. Man wird es vielleicht nie wissen. Aber dass sie abgeschossen wurden, bedeutet: jemand hat sie fliegen lassen. Jemand hat sie fliegen lassen, damit sie abgeschossen werden. Das ist die alte Regel: jede Kugel, die abgefeuert wird, hat zwei Enden, und an beiden sitzt ein Zahler.
Das gebührenfreie Fenster von sechzig Tagen. Sehen wir es uns an. Wer profitiert? Die Reedereien, klar. Aber auch die Exporteure, die in den letzten Wochen Ladung horten mussten, weil kein Tanker fuhr. Die Raffinerien, die auf Lieferung warten. Die Hedgefonds, die auf den Knien lagen und jetzt aufstehen. Die Versicherer, die ihre Policen neu kalkulieren dürfen. Die Anwälte, die in der Schwebe zwischen Krieg und Frieden am besten verdienen. Das ist nicht Großzügigkeit. Das ist ein Schnäppchen für die, die das Geschäft am Laufen halten. Für die anderen sechzig Tage — danach, wenn die Maut wieder greift, wenn die Routen wieder kalkuliert werden — beginnt das nächste Kapitel.
Trump schreit Verrat. Iran schweigt. Die Ölpreise fallen. Die Schiffe fahren.
Morrison raucht auf. Evelyn singt unten immer noch von Schiffen. Sie hat diesmal recht, aus dem falschen Grund. Die Schiffe fahren — aber sie fahren durch ein Minenfeld aus Pressekonferenzen, Leaks, Dementis und Aktienkursen. Die Wahrheit ist eine Währung, die in diesen Tagen niemand mehr druckt. Jede Seite hat ihre eigene Ausgabe, jede Seite hat ihre eigene Auflage, und der Redakteur der Terminal Tribune sitzt zwischen den Ausgaben und schreibt, was er sieht: ein Leck, zwei Wahrheiten, und ein Ozean, der nach Öl riecht.
Morgen wird jemand leaken, dass das Leak ein Leak war. Übermorgen wird jemand dementieren, dass das Dementi ein Dementi war. Und die Schiffe fahren weiter.
Die Frage ist nicht, ob der Deal hält. Die Frage ist, wer daran verdient, wenn er hält, und wer daran verdient, wenn er bricht. Beide Seiten, so scheint es, haben ihre Buchhalter bereits informiert.
Evelyn singt leiser jetzt. Das Café schließt. Die Stadt schläft. Und die Straße von Hormuz, dieser schmale Hals zwischen Iran und Oman, atmet wieder — vorerst.
Morrison legt die Schreibmaschine ab. Der Bourbon ist leer. Die nächste Ausgabe ist morgen früh. Sie wird widersprechen müssen, was heute stand. Das ist das Geschäft. Das ist das Geschäft mit dem Frieden — er wird angekündigt, dementiert, unterzeichnet, verraten, und am Ende bleibt nur die Tinte trocken auf dem Papier, und der Rauch, der sich nicht lichtet.