DIE KATHEDRALE BRENNT: WER ZÄHLT DIE TOTEN, WER ZÄHLT DIE LÜGEN?
Manche Zahlen wiegen schwerer als andere. Zweihundert tote russische Soldaten, jung, sehr jung, wie man hört. Elf Tote in einer Nacht. Eine Kathedrale, die brennt. Ein Kloster, das angeblich getroffen wurde, oder auch nicht. Ich notiere.
Beginnen wir bei den Fakten, wie sie uns erreichen. Es ist, als würde man Rauch mit den Händen greifen. Schwedische Jäger heben ab, fangen russische Flugzeuge über der Ostsee ab. Die Maschinen drehen ab. Der schwedische Luftraum, heißt es, wurde nicht verletzt. Aha. Die Grenze zwischen Abfangen und Verletzen ist also eine Frage der Semantik, nicht der Geografie. Wer legt das fest? Die Schweden, selbstverständlich. Die Russen sicherlich nicht. Zwei Versionen, ein Himmel, keine Auflösung.
Unterdessen trifft eine Nachricht aus einer anderen Welt ein. Eine Oreshnik-Rakete, der Name klingt wie eine Walnuss, ist aber keineswegs zum Knabbern gedacht, soll ukrainische Ziele getroffen haben. Die Information stammt aus einer US-Quelle. Nicht aus ukrainischer, nicht aus russischer. Aus amerikanischer. Warum? Weil die Wahrheit in diesem Krieg offenbar ein Exportartikel ist, der in Washington verpackt und mit Stempel versehen wird, bevor er bei uns ankommt. Das nennt man dann Glaubwürdigkeit. Oder Strategie. Die Grenzen, wer hätte es gedacht, verschwimmen.
In Kyiv brennt eine Kathedrale. Das Wahrzeichen, das die Stadt überlebt hat, Kriege, Revolutionen, Hunger, Stalin, Hitler, brennt nun in einer Nacht, in der mindestens elf Menschen sterben. Die ukrainische Seite spricht von einem gezielten Schlag gegen ein Heiligtum. Die russische Seite weist jede Verantwortung von sich. Beide Seiten präsentieren ihre eigene Kartografie der Wahrheit. Ich habe in meinem Leben viele Karten gesehen. Die präzisesten waren stets diejenigen, die am meisten logen.
Dann das Kloster. Eine Quelle, nennen wir sie Quelle A, weil Anonymität in diesem Geschäft ein Berufsethos ist, bestreitet den russischen Angriff. Eine andere Quelle, Quelle B, berichtet von Schäden. Die Schäden existieren offenbar unabhängig davon, wer sie verursacht hat. Aber wer Schäden bestreitet und wer Schäden bestätigt, das ist keine Frage der Physik. Es ist eine Frage der Erzählung. Die Mönche beten vermutlich für beide Seiten. Oder für keine.
Was mich an alldem beunruhigt, ist nicht die Gewalt. Gewalt ist das Handwerk dieses Jahrhunderts. Was mich beunruhigt, ist die Gelassenheit, mit der wir uns an Zahlen gewöhnen. Zweihundert junge Russen. Wer waren sie? Söhne. Brüder. Kinder von Müttern, die jetzt in Wohnungen sitzen und auf eine Nachricht warten, die nie eine gute sein wird. Wir nennen sie Verluste. Ein klinisches Wort für das Ende von allem, was ein Mensch war.
Unterdessen trifft die Ukraine russische Energieinfrastruktur. Man darf das, sagt man. Es ist Vergeltung. Es ist Strategie. Es ist, wenn man genau hinsieht, exakt das Muster, das ich in dreißig Jahren immer wieder gesehen habe: Beide Seiten tun einander Schlimmes an, beide Seiten nennen es notwendig, beide Seiten messen den Schmerz des Anderen in anderen Einheiten als den eigenen. Der Krieg ist die Fortsetzung der Physik mit anderen Mitteln. Oder der Buchhaltung.
Und dann ist da Bandera. Der Name, den Kiew nicht aussprechen kann, ohne dass ein Sturm durch Europa zieht. Ein Freiheitskämpfer oder ein Faschist, ein Märtyrer oder ein Täter, je nachdem, wer die Linie zieht. Die ukrainische Führung kämpft gerade einen zweiten Krieg, einen, der in Schulbüchern, in Denkmälern, in den Köpfen der Historiker ausgetragen wird. Der erste Krieg wird mit Bomben geführt. Dieser wird mit Worten geführt. Beide hinterlassen Trümmer. Mich interessiert nicht der Mann. Mich interessiert die Mechanik, mit der ein historischer Name zur Waffe wird. Es ist dieselbe Mechanik, mit der aus einer Rakete eine Sonderoperation wird, aus toten Soldaten Verluste, aus einer brennenden Kathedrale ein technisches Problem. Die Sprache ist der erste Gefallene dieses Krieges. Wahrscheinlich auch der letzte.
Ich rauche meine Pfeife und lese die Berichte. Die Labore mochten das nicht. Deshalb bin ich jetzt Journalist. Im Labor hätte ich diese Geschichten nicht glauben müssen. Hier, auf dem Papier, muss ich es trotzdem. Oder gerade deshalb.
Was bleibt am Ende einer Woche, in der eine Kathedrale brennt, ein Kloster angeblich getroffen wird, elf Menschen sterben und zweihundert junge Männer in Särgen nach Hause kommen, die nicht die ihren sind? Wer liefert die nächste Zahl, und werden wir sie noch zählen, wenn sie kommt?