Die Betrugspipeline: Wenn Schulen Fälscher produzieren und keiner es Betrug nennt
Ich übersetze Funksprüche aus Übersee. Heute kommt einer aus Amherst, Massachusetts. Professor Austin Sarat hat seine Erstsemester gefragt, wer in der Highschool geschummelt hat. Die meisten hoben die Hand. Sie schämten sich nicht. Sie fanden einander.
Das ist keine neue Frequenz. Sarat stellt die Frage seit Jahren. Das Ergebnis bleibt stabil: fast alle. Es ist, als würde man einen Saal voller Mechaniker fragen, wer schon mal an einem Motor herumgeschraubt hat, der gar nicht eingeschaltet war.
Die Zahlen, die Eric Anderman 2018 zusammentrug: 51 Prozent der amerikanischen Highschool-Schüler geben zu, bei einem Test betrogen zu haben. Eine Studie aus dem Jahr 2020 mit 70.000 Befragten kam auf 64 Prozent beim Testen, 58 Prozent beim Abschreiben. Insgesamt 95 Prozent — neunzehn von zwanzig — haben irgendeine Form des Betrugs ausgeübt. In einer Highschool in Pennsylvania sagten 90 von 100 Befragten, sie hätten mindestens einmal geschummelt. Einer brachte es auf den Punkt: Alle schummeln.
Schummeln ist Mainstream. Schummeln ist die Norm. Wer nicht schummelt, wird bestraft — er bekommt schlechtere Noten, während der Fälscher neben ihm das Stipendium absahnt. Das ist der Mechanismus, den die Pädagogen seit Jahrzehnten verharmlosen: nicht der Ehrliche gewinnt, sondern der Gewitzte.
Künstliche Intelligenz ist der neueste Verstärker, nicht der Auslöser. Sarat sagt es selbst: KI hat das Problem nicht geschaffen. Sie hat es nur lauter gemacht. Wer vorher vom Nachbarn abschrieb, lässt jetzt eine Maschine formulieren. Das Werkzeug hat sich geändert. Die Ethik ist dieselbe geblieben — oder besser gesagt: dieselbe abwesende.
Fragt man nach dem Warum, kommt die Standardantwort: Druck. Die Schüler fühlen sich nicht vorbereitet. Sie wollen gute Noten. Sie wollen aufs College. Sie wissen, dass Betrug falsch ist, aber alle machen es, also macht man mit. Manche verstehen nicht einmal mehr, was Betrug eigentlich ist — so gründlich ist die Verwässerung.
Was hier produziert wird, ist ein Zertifikat ohne Wissen. Ein Diplom als Fassade. Die Colleges verkaufen Titel, die Colleges verkaufen das Versprechen, dass der Inhaber dieses Papiers etwas kann. Wenn die Mehrheit der Schüler das Papier durch Betrug erworben hat, verkauft die Institution Fälschungen. Wissentlich.
Wer profitiert? Die Colleges, die mit sinkenden Standards ihre Immatrikulationszahlen füllen. Die Testvorbereitungsindustrie, die das Versagen der Schulen in Dollar ummünzt. Die KI-Firmen, deren Produkte zur akademischen Waffe werden. Die Arbeitgeber, die bald mit Bewerbern konfrontiert sind, deren Zeugnisse nichts bescheinigen als die Fähigkeit, ein Zeugnis zu erwerben.
Wer zahlt den Preis? Der ehrliche Schüler, der gegen geschlossene Akten verliert. Die junge Frau, die den Ingenieurstitel trägt und im ersten Job an einer Differentialgleichung scheitert, die sie nie gerechnet hat. Die Gesellschaft, die Brücken von Leuten bauen lässt, die ihre Integralrechnung mit dem Fußnotengenerator gelöst haben.
Die Korruptionswahrnehmungsindizes sinken, wie Yves Smith in ihrer Einleitung anmerkt. Kein Wunder. Eine Nation, die ihren Kindern beibringt, dass der Weg zum Erfolg durch Fälschung führt, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Erwachsenen später ihre Steuererklärungen optimieren, ihre Lebensläufe schönen und ihre Bilanzen frisieren.
Sarat nennt es die Cheating Pipeline. Der Ausdruck passt. Eine Pipeline transportiert, sie filtert nicht. Was hier transportiert wird, ist die Erlaubnis zum Betrug — von der Highschool über das College in die Wirtschaft, in die Verwaltung, in die Kanzleien. Ein industrielles Förderband der Unredlichkeit, gespeist von Eltern, die nur den Titel wollen, von Lehrern, die nicht mehr hinterherkommen, von Aufnahmegremien, die Noten lesen statt Köpfe.
Ada Voss hört die Frequenz. Es ist nicht das erste Mal, dass jemand sagt: Alle machen es. Es ist das erste Mal, dass so viele es zugeben — und niemand den Stecker zieht.