BRAUN AUS DER FLASCHE — DAS GIFT IM SCHÖNHEITSVERSPRECHEN
Ich höre die Frequenzen, die anderen zu hoch sind. Heute summt das Signal aus den Drogerieabteilungen des Landes — aus Cleveland, Pittsburgh, Dallas, aus jedem Supermarkt, der Haarfarbe ins Regal stellt. Das Ergebnis ist eindeutig, und es ist hässlich.
Das Verbrauchermagazin Consumer Reports hat einundzwanzig handelsübliche Haarfärbemittel und zwei temporäre Haar-Kreiden eingekauft, im Versandhandel und stationären Handel quer durch die Republik, und in ein unabhängiges Labor geschickt. Was die Forscher dort fanden, gehört auf jede Schlagzeile — und auf jede Verpackung in jedem Badezimmerschrank. In jedem einzelnen Produkt: Dichlormethan, auch Methylenchlorid genannt. Eine Chemikalie, die in Tierversuchen Krebs ausgelöst hat und von der amerikanischen Krebsforschung als wahrscheinlich krebserregend für den Menschen eingestuft ist.
Sechzig bis siebzig Millionen Amerikaner färben sich die Haare. Sechzig bis siebzig Millionen. Das ist keine Nische der Eitelkeit. Das ist eine Industrie, die in jeden Haushalt reicht.
Hören wir genauer hin. Dichlormethan — ein Lösungsmittel, das in Abbeizmitteln, Klebstoffen und pharmazeutischen Erzeugnissen seinen Dienst tut. Es ist flüchtig, es geht in die Luft, es wird eingeatmet. Es dringt tief in den Haarschaft ein. Wer nach dem Auftragen im Spiegel steht und zwanzig Minuten einwirken lässt, atmet mit. Wer den Aufstrich alle vier Wochen wiederholt, atmet ein Leben lang mit.
Die unmittelbare Bilanz: Kopfschmerzen, Übelkeit, Reizungen an Augen, Nase und Rachen. Rötung, Jucken, Brennen auf der Kopfhaut. Die langfristige Rechnung ist schwerer. Schäden an Leber, Niere, Zentralnervensystem. Und am Ende der Liste: Krebs.
Lassen wir die Namen sprechen. Den höchsten Dichlormethan-Gehalt fand das Labor in L'Oréal Paris Féria Downtown Brown. Auf den Plätzen zwei und drei, dichtauf: zwei Versionen Revlon ColorSilk, beide in Dunkelbraun. Zwei Konzerne, die für Schönheit stehen wie kaum ein anderer Name im Land. Die feine Dame greift im Salon zu L'Oréal, die Arbeiterin nimmt im Supermarkt die Revlon-Packung aus dem Regal. Beide zahlen den gleichen Preis.
Die Palette der getesteten Stoffe ist breit: Phthalate, Schwermetalle, flüchtige organische Verbindungen. Ein chemischer Cocktail, der in jedem zweiten Badezimmer der Republik steht. Ashita Kapoor, Direktorin für Produktsicherheit bei Consumer Reports, bringt es auf den Punkt: Einige Färbemittel setzen flüchtige organische Verbindungen in Mengen frei, die echte Besorgnis auslösen — insbesondere für Menschen, die ihre Haare häufig zu Hause färben.
Dr. Adana Llanos, Epidemiologie-Professorin an der Columbia University, erklärt den Mechanismus. Einige Verbindungen in permanenten Haarfärbemitteln sind darauf ausgelegt, tief in den Haarschaft einzudringen. Einmal im Körper, können bestimmte Inhaltsstoffe oder ihre Abbauprodukte zu DNA-Schäden, Entzündungen und hormonellen Störungen beitragen. Das ist die Rechnung: Derivate dringen ein, Zellen vergessen ihren Bauplan, der Preis wird Jahrzehnte später bezahlt — von denen, die heute in den Spiegel schauen und sich jünger sehen wollen.
Oriene Shin, Sicherheitsanwältin bei Consumer Reports, formuliert es ohne Ausschmückung: Schädliche Chemikalien haben in Alltagsprodukten nichts zu suchen. Nicht in der Farbe, mit der Erwachsene ihr Grau verdecken. Nicht in der Kreide, mit der Kinder ihre Schulstunden feiern. Nirgendwo.
Der Gesetzgeber hat das Problem erkannt — und eine Hintertür offengelassen. Dichlormethan ist in Kosmetika grundsätzlich reguliert. Haarfärbemittel aber fallen durch eine schmale Ausnahmeklausel, solange die Packung einen Warnhinweis trägt. Ein Zettelchen also, kleingedruckt auf der Rückseite, in einer Schriftgröße, die zwischen Warnung und Wisch verschwimmt. Die Industrie hat sich ihre Lizenz zum Giftmischen sauber erkämpft.
Die Schuldigen sitzen in den Vorstandsetagen zweier Weltkonzerne. Die Aufsicht nickt. Die Lobby hält die Klausel offen. Schönheit ist ein Geschäft, und Geschäft ist, was sich verkauft. Krebs verkauft sich schlecht. Also steht er klein gedruckt auf der Rückseite der Schachtel, in einer Schriftgröße, die zwischen Warnung und Wisch verschwimmt.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Heute riecht es zusätzlich nach dem süßlichen Hauch eines Lösungsmittels, das durch die offene Badezimmertür der Republik zieht. Wer noch hinhört, wird es nicht mehr überhören.