BRAND AUF WAFFENFABRIK GERICHT SPRICHT TERROR
Bristol. Eine Fabrik. Ein Haufen Farbe auf dem Hallenboden. Ein paar zerbrochene Scheiben. Und ein Richter, der aus einer Sachbeschädigung einen Terrorakt bastelt. Klar doch. Willkommen im alten Spiel. Wer eine Bank ausraubt, ist ein Bankräuber. Wer eine Waffenfabrik betritt, ist ein Terrorist. Mathematik für Fortgeschrittene.
Die Fakten, die mir vorliegen, sind hässlich genug. Aktivisten der Gruppe Palestine Action drangen in eine israelische Waffenfabrik in Bristol ein. Sie richteten Sachschaden an. Das war's. Kein Blut, keine Geiseln, kein Schusswechsel, kein Lösegeld, kein politisches Manifest außer dem, was die Farbe an die Wand schrieb. Die Firma stellt Waffenteile her. Die Teile landen in den Händen von Soldaten, die in besetztem palästinensischem Gebiet Häuser niederbrennen, Olivenbäume fällen, Wasserleitungen kappen, Siedlungen hochziehen, die nach jedem Kriegsrecht der Welt längst nicht mehr existieren dürften. Israeli settlers, das sind die Leute, die Feuer legen und Wasserleitungen durchschneiden. In besetztem Palästinensergebiet. Das ist dokumentiert. Das ist Alltag dort drüben. Das ist die tägliche Schlagzeile, die keine Schlagzeile mehr ist, weil sich die Redaktionen längst sattgesehen haben. Die einen zünden Häuser an, die anderen zünden Waffenfabriken an. Offenbar ist nur eines davon Terror. Man darf raten, welches.
Und jetzt das Eingemachte. Eine Quelle, nennen wir sie Quelle A, flüstert der Redaktion, dass da eine Verbindung zum Terrorismus bestehe. Ganz vage. Ganz ohne Beweis. Eine andere Quelle, nennen wir sie Quelle B, sagt: Quatsch. Nichts. Kein Netzwerk, kein Auftraggeber, keine Waffe außer einem Seitenschneider und einer Rolle Klebeband. Zwei Quellen, zwei Welten. Die eine speist die Schlagzeile, die andere speist das Kleingedruckte, das niemand liest. So arbeitet die Maschine. So arbeitet sie, seit es Zeitungen gibt.
Die Anklage lautete auf Sachbeschädigung. Criminal damage. Im britischen Recht ein uraltes Vergehen. Ein eingeworfenes Fenster. Eine zerkratzte Karosse. Eine umgeworfene Marktbank. Nichts, was die Welt aus den Angeln hebt. Das Gericht in Bristol hat daraus jetzt einen Terrorakt gemacht. Zum ersten Mal überhaupt. Man kann den Präzedenzfall schmecken, so metallisch liegt er in der Luft, so kalt liegt er im Magen. Wenn Sachbeschädigung Terror ist, dann ist die nächste Demonstration eine paramilitärische Operation. Dann ist der nächste Sitzstreik ein Aufstand. Dann steht morgen der Molotowcocktail im Strafgesetzbuch gleich neben dem Hochverrat. Die Römer haben das auch so gemacht. Sachbeschädigung an staatlichem Eigentum wurde zur Kapitalsünde. Danach kamen die Christen dran, dann die Barbaren, dann die Ketzer, dann die Aufständischen, dann die Streikenden. Geschichte ist ein einziger langer Lehrgang in der Verwandlung von Bagatellen in Verbrechen. Wer das Etikett kontrolliert, kontrolliert das Verbrechen.
Der Richter bestand auf dem Terror-Etikett. Die Geschworenen hatten es nicht ausgesprochen. Die Anklage hatte es nicht beantragt. Die Verteidigung hatte es nicht erwartet. Aber der Richter wollte es so. Und was ein Richter will, das wird ein Richter kriegen. So läuft das im Empire, ob es nun 1937 ist oder morgen früh, ob die Krone nun eine andere ist oder dieselbe. Die Form folgt der Macht, nicht dem Gesetz. Das Gesetz ist das, was die Form hergibt.
Man stelle sich das einmal vor. In derselben Woche, in der Siedler in besetztem palästinensischem Gebiet Feuer legen und Wasserleitungen kappen und Familien in ihren Betten einäschern, in der die Welt wegschaut, weil die Waffenfabrik in Bristol liefert und liefert und liefert, in derselben Woche werden Leute verurteilt, die diese Lieferkette mit Farbe und Glasbruch unterbrechen wollten. Die Siedler zünden Feuer. Die Aktivisten löschen die Löscher aus, die das Feuer der Fabrik löschen würden. So sieht die Gleichung aus. So die Handschrift des Jahrhunderts. Und das Gericht sagt, die Falschen sind die Terroristen. Wer A sagt, muss auch B sagen, sagt der Volksmund. Wer eine Waffe herstellt, der hat einen Fuß im Krieg. Wer eine Waffenfabrik betritt, der betritt einen Tatort, kein Museum, kein Kaufhaus, keine heilige Halle.
Wir leben in einer Zeit, die das Wort Terrorismus erfunden hat, um Aufstände zu meistern, und die es heute benutzt, um eine Fabrik zu schützen. Das Wort ist elastisch geworden. Es passt sich an, wie Leder. Es passt sich an die Form des Feindes an, den das Imperium gerade braucht. Gestern die Anarchisten, heute die Suffragetten, morgen die Aktivisten, die ein Stück Blech an die falsche Wand hängen. Das Wort kennt keine Grenzen. Nur Auftraggeber.
Was bleibt? Eine Schreibmaschine. Ein Bourbon in der Schublade, der langsam leer wird. Evelyns Stimme von unten, die irgendein altes Lied über Verlust singt, das ich nicht verstehe und nicht verstehen muss. Und die Erkenntnis, die nichts wert ist und trotzdem zählt, dass jedes Imperium sich seine Feinde backt, wie es seine Brötchen backt. Mit Mehl, mit Wasser, mit einer Prise Salz. Und einer großen, fetten, gut geölten Lüge.
Die Waffen rollen weiter. Die Fabrik produziert weiter. Die Aktivisten sitzen. Und die Definition von Terror hat mal wieder eine neue Verbiegung bekommen. Brandstiftung ist Terror, sagt der Richter. Wasserleitungen kappen, sagt niemand, ist Geopolitik. Das ist traurig, aber wahr. Und Wahrheit, das wissen wir, ist das Erste, was in einem solchen Prozess auf der Strecke bleibt.
Wir sehen uns morgen. Oder übermorgen. Solange die Fabrik läuft, läuft auch die Geschichte. Sie läuft immer weiter. Sie hat nie auf mich gewartet, und sie wird heute nicht damit anfangen.