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Der Liter und seine Bewilligung

17. Juni 2026 — — — Kastner

Manche Erlasse klopfen leise, bevor sie zuschlagen. Am elften Juni dieses Jahres hat die Regierung in Neu-Delhi eine Anordnung erlassen, die in der Sprache der Verwaltung beinahe beiläufig klingt und doch das Verhältnis zwischen Bürger, Markt und Zapfsäule neu sortiert: Industrielle und gewerbliche Verbraucher dürfen Benzin und Diesel nicht länger an den regulären Zapfstellen des Retail-Netzes erwerben. Sie sind angewiesen, ihren Bedarf über dedizierte Großhandelskanäle zu decken. So steht es im Beschluss. Wer fortan noch tanken will, muss den richtigen Brief in der Tasche tragen.

Drei Tage später, am fünfzehnten Juni, in den späten Abendstunden, wird die zweite Schraube angezogen. Die Ausfuhrabgabe auf Diesel wird von 13,5 auf 14 Rupien pro Liter erhöht, jene auf Flugturbinenkraftstoff von 9,5 auf 12,5 Rupien. Die Abgabe auf Benzin bleibt unverändert bei 1,5 Rupien. Es ist die nächste Iteration einer Revision, die im Vierzehntage-Rhythmus stattfindet, seit am 27. März erstmals Exportzölle verhängt wurden — angeblich, um die heimische Verfügbarkeit zu sichern. Das ist die offizielle Formulierung. Sie verschleiert, was in Wahrheit geschieht: eine schrittweise, kalkulierte Lenkung der Handelsströme, ausgehandelt zwischen Politik und Markt, vollzogen vom Central Board of Indirect Taxes and Customs, jener Behörde, deren Name in jeder zweiten Meldung auftaucht wie eine Beschwörung. Wer die Trends definiert, auf die sich die Anpassungen berufen, wer die Preisentwicklungen beobachtet, nach denen justiert wird, das erfährt man nicht. Es wird eben verwaltet.

Die Verbrauchsteuern auf Benzin und Diesel für den heimischen Markt bleiben unverändert. Dies wird in den Mitteilungen so oft wiederholt, als müsse man sich selbst davon überzeugen, dass die Inlandspreise stabil bleiben sollen. Aber wer zahlt am Ende, wenn der gewerbliche Einkauf den Umweg über Großhändler nehmen muss, wer trägt die Mehrkosten, wenn die Bürokratie sich zwischen Zapfhahn und Verbraucher schiebt? Das sind die Fragen, die in keiner Pressekonferenz gestellt werden, denn die Antworten würden den Anstrich der Verordnung trüben.

Parallel zur Erhöhung der Exportabgaben warnt die Zentrale vor möglichen Drohnenangriffen auf kritische Infrastruktur entlang der Grenzen, und die Sicherheitsbehörden arbeiten an der Stationierung von Gegen-Drohnen-Technologie. Man spricht von rogue drones, von Eindringlingen, die keiner Flagge gehorchen. Im selben Atemzug kündigt der amerikanische Präsident einen Friedensschluss mit Iran an, gibt die Wiedereröffnung der Meerenge von Hormuz frei und spricht von der Aufhebung der Seeblockade. Schiffe, sagt er, bewegen sich bereits entlang der Route vor Oman. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Der Verkehr durch die Meerenge bleibt begrenzt, der Konvoi dünn, die Versprechen schneller als die Geografie. Der Hintergrund, vor dem die indische Regierung ihre Hähne auf- und zudreht, ist also keiner, der sich von selbst erledigt.

Was hier zusammenläuft, ist keine Improvisation, sondern Choreografie. Eine Regierung, die im Vierzehntage-Rhythmus die Steuern justiert, die den Zugang zu Kraftstoff neu ordnet, die zwischen Inlandsverbrauch und Export, zwischen Retail und Großhandel, zwischen Preisanreiz und Versorgungssicherheit laviert, vollzieht eine schleichende Verstaatlichung der Logistik. Sie geschieht nicht durch Verstaatlichung der Tankstellen, sondern durch die Hoheit über den Tropfen, der hindurchfließt. Die Kanäle, in die die gewerblichen Verbraucher nun gedrängt werden, sind kein neutraler Ort; sie sind Knotenpunkte eines Netzes, dessen Maschen enger werden.

Die Sprache der Verwaltung tut das Ihre, um den Mechanismus zu verbergen. Man spricht von Sicherung der Verfügbarkeit, von Anreizen, von vorherrschenden Trends. Man verschweigt, dass jede Erhöhung der Ausfuhrabgabe um wenige Rupien die Margen derer mindert, die nach draußen verkaufen, und die Margen derer mehrt, die im Inland verkaufen. Die Hierarchie der Begünstigten zeichnet sich ab, aber man zeichnet sie nicht nach. Die Verträge, die einst in Genf ausgehandelt wurden, kannten ein ähnliches Vokabular. Es ist die Sprache derer, die mit Handschuhen unterzeichnen, während sie lächeln.

Wenn die Drohnen tatsächlich kommen, so die stille Logik dieser Tage, werden sie nicht nur Antennen treffen, sondern auch die Illusion, dass der Markt sich selbst überlassen sei. Die Zapfsäule ist nicht länger ein Ort, an dem der Bürger sich bedient; sie ist ein Ort, an dem der Staat ihm erlaubt, sich zu bedienen. Das ist, in der ruhigen Sprache der Erlasse, eine Revolution. Sie kommt ohne Barrikaden aus, ohne Manifeste, ohne die übliche Rhetorik der Macht. Sie kommt in Tabellen, in fortlaufenden Revisionsintervallen, in der Umleitung des kommerziellen Einkaufs auf Kanäle, über die niemand Rechenschaft ablegt.

Man trägt Handschuhe, wenn man das schreibt. Nicht aus Gewohnheit. Aus Anstand.

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