Isfahans verminte Tunnel: Tehrans nukleares Versteckspiel
Die Drähte summen. Die Internationale Atomenergiebehörde hat am Mittwoch eine Resolution verabschiedet, die den Iran auffordert, sämtliche Anreicherungsaktivitäten auszusetzen und IAEA-Inspektoren endlich Zutritt zu gewähren. Einstimmig? Mitnichten. Einundzwanzig Stimmen dafür, drei dagegen. Russland, China — erwartbar. Und Niger. Ein Staat, der selbst zu den größten Uranproduzenten der Welt gehört und nach Erkenntnissen amerikanischer Dienste seit Jahren ein Geschäft mit dem Iran einfädelt: eigene Bodenschätze an eine Theokratie verkaufen, die daraus Bomben bauen will. Das ist keine Außenpolitik mehr. Das ist Hehlerei im planetarischen Maßstab.
Was die Schlagzeilen nicht ausspucken: Die IAEA-Erklärung enthält eine bemerkenswert klare Sprache. Iran habe „wiederholt versäumt", mit der Behörde zu kooperieren, an mehreren nicht deklarierten Standorten gebe es nukleares Material, über das niemand Buch führen könne. IAEA-Chef Rafael Grossi hatte das in seiner Eröffnungsrede am 8. Juni noch ungeschminkter formuliert. Die Agentur könne dem Gouverneursrat keinerlei verlässliche Auskunft über den iranischen Uranvorrat liefern. Gar keine. Das ist kein diplomatischer Streit über Formulierungen. Das ist ein schwarzes Loch in der Architektur der Nichtverbreitung.
Und in genau dieses Loch fällt jetzt ein zweites Signal. CNN berichtet unter Berufung auf fünf mit der US-Geheimdienstlage vertraute Quellen: Der Iran hat in den vergangenen Wochen die Tunnelanlagen unter dem Nuklearstandort Isfahan vermint. Minen an den Zugängen, kollabierte Gänge, gezielt versiegelte Passagen. Rund zweihundert Kilogramm auf sechzig Prozent angereichertes Uran lagern dort — mehr als die Hälfte des gesamten iranischen Bestands an hochangereichertem Material. Sechzig Prozent. Die Schwelle zur Waffenfähigkeit liegt bei etwa neunzig. Wer die Physik versteht, weiß, was das bedeutet: ein Katzensprung. Wochen, nicht Jahre.
Die Frage, die mir durch den Kopf geht, während ich diese Depesche in die Maschine tippe: Wann genau hat das Regime angefangen, seine Tunnel zu verminen? Die Antwort liegt offen. Im März erwog Präsident Trump die Entsendung von Bodentruppen zur Sicherung des Nuklearmaterials. Der riskante Einsatz wurde abgeblasen — aber die Warnung kam an. Seither wird versiegelt, was sich nicht verstecken lässt, und vermint, was nicht versiegelt werden kann. Der einzige größere Standort, der nach dem zwölf Tage dauernden Krieg mit Israel im Juni 2025 weitgehend heil blieb, ist ausgerechnet jener, in dem die halbe Atommacht des Regimes ruht.
Die Auflösung folgt einer häßlichen Logik. Der erwartete Friedensvertrag, der offenbar an diesem Wochenende unterzeichnet werden soll, verlangt vom Iran die Herausgabe des angereicherten Urans. Zerstörung vor Ort, Abtransport aus dem Land. Doch Minen und eingestürzte Gänge machen die Bergung des empfindlichen Materials auch für die Iraner selbst zur archäologischen Übung. Schicht um Schicht freilegen, Zünder entschärfen. Das dauert. Das verzögert. Und es öffnet dem Regime eine elegante Ausflucht.
Scott Roecker, einstiger Leiter des Büros für Nuklearmaterialentfernung in der National Nuclear Security Administration, bringt es auf den Punkt: „Ich würde befürchten, dass der Iran behauptet, ein Teil des hochangereicherten Urans sei nicht mehr bergbar." Man habe dann keine Gewissheit, dass der Iran nicht zu einem späteren Zeitpunkt wieder Zugang erlange.
So sieht sie aus, die zeitgenössische Nichtverbreitung. Eine Resolution ohne Zähne. Ein Vertrag, der auf Vertrauen baut, wo keines ist. Und ein Regime, das seine eigene nukleare Geisel nimmt, bevor die Inspektoren sie zählen können.
Die Architektur des nuklearen Zeitalters wurde in den Sechzigern gezimmert. Heute, sechs Jahrzehnte später, stehen wir vor den Trümmern. Nicht wegen der Physik. Die ist begriffen. Sondern wegen der Politik. Und wegen jener, die Uran handeln, als wäre es Holz auf dem Hafenmarkt. Niger exportiert. Der Iran vergräbt. Russland und China schützen. Washington verhandelt. Die IAEA zählt, was übrig bleibt. Wenn überhaupt.