Todesflug über Rio: Sechs Tote im Schatten der Ermittler
Rio de Janeiro. Zwei Hubschrauber. Ein Knall, der keiner war, sondern ein kurzes, endgültiges Verstummen. Sechs Leichen am Boden eines Vororts, wo sonst Händler Fisch verkaufen und Mütter ihre Kinder rufen. So sieht es aus, wenn die Lüfte sich weigern, noch länger mitzumachen.
Oliver Tree ist tot. Sagen Sie den Namen laut, in einer Redaktion, in der es nach Bourbon und nasser Asche riecht, und Sie werden sehen, wie die Bleistifte kurz innehalten. Tree, der Mann, der das Spektakel zur Religion erhob, der den Hubschrauber liebte wie andere Leute ihr Dienstmädchen — extravagant, sichtbar, viel zu laut. Jetzt ist er eine Zeile in einer Pressemitteilung, und morgen ist er ein Foto, das niemand mehr ansieht.
Was wir wissen: Zwei Hubschrauber kollidierten in der Luft, irgendwo über einem Vorort von Rio. Mittagslicht, das zu schön war für das, was kam. Sechs Tote, kein Überlebender. Brasilianische Behörden untersuchen den Crash. So steht es in den Telegrammen, so steht es in den Morgenblättern. So wird es morgen in den Sonntagszeitungen stehen, in einer kleineren Spalte, mit einem Bild von verbeultem Metall, das aussieht wie zerknülltes Silberpapier nach einem Fest, an dem niemand mehr weiß, warum er eingeladen war.
Was wir nicht wissen, ist das, was zählt. Und genau hier beginnt der Zirkus, den ich meine.
Wer fliegt in dieser Stadt Hubschrauber? Nicht der Bäcker, nicht die Näherin, nicht der Fischer am Strand von Copacabana. Hubschrauber in Rio sind das, was die Limousine in Chicago war, als Al Capone noch lebte — ein Statement, ein Schutz, ein bewegliches Büro für Leute, deren Namen auf Visitenkarten stehen, die nach Chrom riechen. Der Himmel über der Stadt ist privatisiert worden, in stillschweigenden Absprachen, die niemand auf Papier bringt. Wer den Funkkanal hält, wer die Landeplätze auf den Dächern der Hotels besitzt, wer die Fluglotsen bezahlt — all das ist ein Geschäft, und Geschäfte haben in der Regel eine Hierarchie, und Hierarchien haben Verlierer.
Sechs Verlierer diesmal. Ausgebrannt im freien Fall.
Die brasilianischen Behörden werden untersuchen, sagen sie. Sie werden Kommissare schicken und Beamte, die mit ernsten Mienen über das Wrack gehen und Notizbücher füllen. Sie werden ein paar Monate verstreichen lassen, eine Kommission einsetzen, einen Bericht vorlegen, der niemanden überrascht. Kennen wir das Spiel nicht? Kennen wir es nicht aus jedem Land, aus jeder Stadt, in der die Mächtigen in der Luft unterwegs sind, während die Armen auf der Erde stehen und hochschauen?
Oliver Tree war kein Heiliger. Er war ein Mann, der wusste, wie man das Licht anknipst, und sei es, indem er es selbst anzündet. Aber er war auch ein Passagier. Ein zahlender Passagier in einer Maschine, die von jemand anderem geflogen wurde, über einem Land, dessen Regeln er nicht kannte und nicht kennen musste. Wer den Piloten bezahlt hat, wer die Route genehmigt hat, wer in der Bodenstation saß und auf den Bildschirmen zusah, wie zwei Punkte aufeinander zuwanderten — das sind die Fragen, die kein Kommissat beantworten wird, das in vierzehn Tagen aufgelöst wird.
Evelyn unten im Café singt gerade ein altes Lied. Von Liebe, die nicht ankommt. Vom Regen, der nicht aufhört. Ich sitze hier, rauche meine dritte Zigarette und denke an sechs Menschen, die heute Morgen noch einen Plan hatten. Vielleicht einen Lunch. Vielleicht einen Termin. Vielleicht nur das Versprechen, dass der Hubschrauber sie sicher nach Hause bringt.
Die brasilianischen Behörden untersuchen. Gewiss. Sie untersuchen, bis die Kameras weg sind, bis die Angehörigen die Stadt verlassen haben, bis der nächste Hubschrauber startet. So läuft das. So lief es in Rom, als die Boten der Cäsaren vom Pferd fielen. So lief es in der Depression, als die Banken brannten und die Kommissionsberichte im Papierkorb landeten. So läuft es immer, wenn oben gestoßen wird und unten gezahlt.
Schreiben Sie es auf. Sechs Namen. Zwei Maschinen. Ein Vorort von Rio. Und irgendwo, in einem Büro mit Klimaanlage, ein Mann, der bereits weiß, dass diese Untersuchung nichts kosten wird. Nicht ihm.
Morgen fliegen wieder Hubschrauber über der Stadt. Mit anderen Passagieren. Denselben Piloten. Derselben Funkfrequenz. Und niemand wird hochschauen.
Ich schon.