Maschinengewehre, Akten, Schweigen: Londons Rechnung mit Belfast
Es beginnt mit einem Geräusch. Nicht dem Knall, der später durch die Gassen von Belfast hallte, sondern jenem, der in englischen Kasernen auf Männer wartete, bevor sie überhaupt in die Maschinerie des Konflikts eingeführt wurden — das hämmernde, monotone Dröhnen einer Waffe, die im Dienst des Staates gegen Übungspuppen und gegen das eigene Gehirn der Rekruten abgefeuert wird. Ein Soldat, der heute sagt, dass dieses Dröhnen ihm das Gehör genommen hat, hat das Verteidigungsministerium verklagt — auf 75.000 Pfund, eine Zahl, die nach viel klingt und nach nichts aussieht, wenn man sie gegen die Lebenszeit stellt, die ein junger Mann in der Stille verbringen wird.
Dass dieser Soldat überhaupt den Weg vor ein Gericht sucht, ist bemerkenswert — nicht weil Klagen ungewöhnlich wären, sondern weil das System es so eingerichtet hat, dass die Männer, die es formt und verheizt, am Ende bei der Klage gegen den eigenen Apparat wie Bittsteller erscheinen. Er wurde ausgebildet für einen Einsatz, den die Regierung als notwendig deklarierte, in einem Land, das die Weltöffentlichkeit später als Testgelände für eine Sorte von Politik begreifen würde, die sich zwischen Krise und Schweigen bewegt. Sein Gehör war Kollateralschaden — nicht einmal auf dem Schlachtfeld, sondern im Probedurchlauf.
Dasselbe Prinzip, nur eine Stufe höher, zeigt sich in der Nachricht, die zeitgleich aus dem Lager der Spezialeinheiten dringt: Veteranen fordern die Labour-Regierung auf, eine Gesetzgebung zu kippen, die Soldaten aus dem Nordirland-Einsatz — so ihre Worte — „verfolgt". Es ist das gleiche Drama in einer schärferen Tonlage. Zuerst werden Männer losgeschickt, im Namen von Operationen, deren offizielle Begründungen in Archiven verstauben, deren tatsächliche Protokolle in Schubladen verschwinden, deren Wahrheit am Ende immer dieselbe ist: dass der Staat handelt und der Einzelne geradestehen muss. Wenn die Operation vorbei ist, werden die Soldaten nicht gefeiert, sondern inventarisiert. Wer sich beschwert, wird ein Aktenzeichen. Wer klagt, bekommt eine Nummer.
Die Mechanik ist alt und sie funktioniert präzise. Man schickt junge Männer in einen Konflikt, der nie so heißen durfte — man nannte ihn Operation, Einsatz, Mission, alles Begriffe, die das Wort Krieg vermeiden, weil das Wort Krieg Verantwortung erzeugt, Begründung verlangt, Rechte auslöst. Man rüstet sie aus, man drillt sie, man gewöhnt sie an das Geräusch der eigenen Waffe, bis das Trommelfell Teil der Maschine wird. Dann lässt man sie los. Wenn sie zurückkommen, wird zwischen denen, die gehorcht haben, und denen, die nicht gefragt haben, ein feiner Schnitt gemacht: die Helden und die Angeklagten, die Träger des Ordens und die Träger der Akte. Die Veteranen wissen das. Sie wissen auch, dass diejenigen, die heute ihre alten Kameraden verfolgen, dieselbe Hand schütteln, die einst die Einsätze abzeichnete.
In Genf habe ich Männern die Hand geschüttelt, die Verträge unterzeichneten, von denen sie wussten, dass sie niemand halten würde. Sie lächelten dabei, weil das Lächeln zum Protokoll gehört, so wie das Maschinengewehr zur Ausbildung gehört. Was mich damals überrascht hat, war nicht die Lüge — die ist in der diplomatischen Arbeit so selbstverständlich wie das Wasser im Glas — sondern die Erleichterung, mit der die Lüge akzeptiert wird, sobald sie im richtigen Anzug daherkommt. Der Soldat, der heute klagt, und die Veteranen, die heute eine Gesetzesänderung fordern, treffen auf genau diese Erleichterung. Ihre Schmerzen sind echt, ihre Dokumente sind lückenlos, ihre Argumentation ist klar — und genau deshalb werden sie langsam bearbeitet. Inkompetenz, die niemand zugeben will. Verzögerung, die niemand erklären muss. Ein Verfahren, das sich selbst verschluckt.
Dahinter liegt ein Muster, das man erkennen muss, um es zu benennen. Wer einen Soldaten ausbildet und ihm dabei das Gehör zerstört, schuldet ihm nicht nur 75.000 Pfund. Wer eine Truppe in ein Land schickt und ihr die Rechtmäßigkeit des eigenen Tuns zugleich bestätigt und verweigert, schuldet ihr mehr als einen Parlamentsbeschluss. Was eingefordert wird, ist keine Gnade und keine Großzügigkeit — es ist die Anerkennung einer Schuld, die in den Bilanzen der Ministerien nicht auftaucht, weil sie dort als Betriebsausgabe verbucht wird. Man nennt es Ausbildung, man nennt es Einsatz, man nennt es nationale Sicherheit — und irgendwann nennt man es einen Hörschaden, einen Vorfall, eine Einzelfallgeschichte.
Die Wahrheit ist, dass diese Einzelfälle eine einzige Akte sind. Ein Staat, der seine Soldaten in Kasernen so laut drillt, dass sie ertauben, bevor sie Nordirland erreichen, und der sie in Nordirland so handeln lässt, dass er ihnen hinterher den Prozess macht, ist kein Staat, der seine Bürger schützt. Es ist ein Staat, der sich schützt — vor der Erinnerung, vor der Konsequenz, vor der Stimme derjenigen, die noch hören können, was die Archive nicht aufnehmen wollen.