Lizenz per Los, Bonus steuerfrei, Sprung aus dem 19. Stock
Drei Funksprüche aus Hong Kong, 12. Juni 2026. Ich lege sie nebeneinander. Das Muster ergibt sich von selbst, sobald man die Drähte auf die richtige Frequenz dreht.
Beginnen wir mit der Verlosung. 1615 Restaurants bewarben sich um eine Lizenz, Hunde an ihre Tische zu lassen. 1000 Lose wurden gezogen, öffentlich, vor Dutzenden Antragstellern, unter Aufsicht von Chan Hoi-yan, Vorsitzende des parlamentarischen Ausschusses für Lebensmittelsicherheit und Umwelthygiene. Das Los entschied, nicht die Qualität der Küche, nicht die Hygienehistorie, nicht der Ruf des Hauses. Eine Kugel, gezogen aus einer Trommel, bestimmte, wer künftig einen Hund an seinen Tisch setzen darf.
Die Verteilung liest sich wie ein Grundriss der Stadt. Wan Chai führt: 111 Lizenzen. Dahinter Central and Western, dann Yau Tsim Mong. Die übrigen Lose verteilen sich über Hong Kong Island, Kowloon, die New Territories. 450 nicht-chinesische Restaurants, mehr als 300 chinesische, 50 Bars, über 150 Cafés. Die Wirte erwarten ein Umsatzplus von zwanzig Prozent.
Schön für die Wirte. Schön für die Hunde. Aber merke den Mechanismus: Hier wird nicht über die Frage verhandelt, ob Hunde in Restaurants gehören. Hier wird verlost, wem die Erlaubnis zufällt. 615 Bewerber gehen leer aus. Mangelverwaltung statt Regulierung. Zu wenig Lizenzen, zu viele Bittsteller, ein Staatsbeamter dreht das Rad. Der Staat gibt sich als großzügiger Gastgeber und behält gleichzeitig die Kontrolle über jeden einzelnen Stuhl, an dem ein Tier sitzen darf.
Zweiter Funkspruch. Gleicher Tag, andere Frequenz. Die Regierung von Hong Kong veröffentlicht eine Steuernovelle mit dem sperrigen Titel "Inland Revenue (Amendment) (Preferential Tax Regimes for Funds, Family-owned Investment Holding Vehicles and Carried Interest) Bill 2026". Auf gut Deutsch: Leistungsbezogene Boni von Fondsmanagern sollen künftig steuerfrei bleiben — solange bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Private Equity, Venture Capital, Carried Interest ebenfalls befreit. Die Novelle erweitert die zulässigen Anlageprodukte: Private Credit, Carbon Credits, Insurance-linked Securities, digitale Vermögenswerte, Gold, Rohstoffe. Bislang zählten nur Aktien und Anleihen. Hinzu kommen Pensionsfonds, gemeinnützige Fonds und die sogenannten Fund-of-one-Strukturen, jene Vehikel, die sich globale Organisationen wie die Asian Infrastructure Investment Bank auf eigene Rechnung zulegen.
Hong Kong wäre damit das erste große asiatische Finanzzentrum, das Steuererleichterungen auf performance-basierte Einkünfte gewährt. Das Ziel steht im Gesetzestext: die Stadt soll als das größte Offshore-Vermögensverwaltungszentrum der Welt gestärkt werden. Die Novelle wird am 24. Juni erstmals im Parlament gelesen.
Wer profitiert? Die Fondsmanager. Die Family Offices. Das globale Kapital, das mit einem Federstrich nach Hong Kong gelockt werden soll. Wer zahlt den Preis? Die Steuerbasis. Jene breite Schicht, die in der dritten Meldung auftaucht.
Dritter Funkspruch. Taikoo Shing. Mittwoch, 7:45 Uhr morgens. Eine 48-jährige Sozialarbeiterin, angestellt beim Staat, ohne dokumentierte psychische Erkrankung, streitet mit ihrer zwölfjährigen Tochter über "Bildungsprobleme". Um neun Uhr springt die Mutter aus dem Fenster ihrer Wohnung im neunzehnten Stock. Stunden später springt das Mädchen aus dem Wohnzimmer.
Die Tochter findet die Mutter zunächst auf dem Podium im zweiten Stock, informiert die Polizei, wird ins Krankenhaus gebracht — ins Pamela Youde Nethersole Eastern Hospital, in die Psychiatrie, zur Abklärung. Begleitet wird sie von Familienangehörigen, der Vater ist zugegen. Um 19:05 Uhr kehrt sie mit dem Vater nach Hause zurück. Und wer untersucht das traumatisierte Kind? Eine registrierte klinische Psychologin — die zugleich die direkte Vorgesetzte der verstorbenen Mutter am Arbeitsplatz war. Die Chefin beurteilt die Tochter der Verstorbenen. Ein Interessenkonflikt, der nicht einmal als solcher benannt wird, weil das System ihn nicht vorsieht.
Die Frau war Sozialarbeiterin. Sie arbeitete für jenen Staat, der zugleich die Lizenzlotterie durchführt und die Steuernovelle für die Vermögensverwalter schreibt. Sie kümmerte sich um die Schwachen der Gesellschaft. Ihre zwölfjährige Tochter zahlte den Preis für ein Bildungssystem, das selbst Mütter in den Tod treibt. Der Lohn einer Sozialarbeiterin in Hong Kong: keine Boni, keine Carried Interest, keine steuerfreien Ausschüttungen. Nur ein Fenster im neunzehnten Stock.
Ich übersetze die Frequenzen. Eine Stadt verteilt Lizenzen per Los. Dieselbe Stadt befreit Fondsmanager von der Einkommensteuer. Dieselbe Stadt verliert eine Sozialarbeiterin und ein Mädchen, weil das System sie aufgefressen hat. Die Beamtin, die Lose zieht, gehört zur gleichen Verwaltung, die in Taikoo Shing versagt hat. Die Fondsmanager, die künftig keine Steuer mehr auf ihre Boni zahlen, verdienen in einem Jahr mehr, als die Sozialarbeiterin in ihrem gesamten Berufsleben je gesehen hat.
Das ist keine Reportage. Das ist eine Aufzeichnung dessen, was die Drähte flüstern, wenn niemand zuhört. Hong Kong im Juni 2026: Tiere dürfen rein, Geld darf raus, Menschen fallen raus. Die Lizenz wird verlost, das Kapital wird bevorzugt, die Schwachen werden sortiert.
Mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. Eine Frau am Lötkolben — die Herren der Redaktion sehen das nicht gern. Ich übersetze trotzdem. Die Frequenz ist klar. Die Frage, die am Ende bleibt, ist immer dieselbe: in wessen Händen liegt diese Stadt?