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Schachbrett und Schlachtfeld – Drei Tote, Indiens Protest, FIDE gegen Moskau

18. Juni 2026 — — Morrison, over and out.

Evelyn singt unten im Café. Irgendwas von Verlieren und Wiederfinden. Passt. Die Schreibmaschine klappert, der Bourbon steht halbleer, und die Welt brennt an drei Stellen gleichzeitig, die alle dieselbe sind.

Drei Tote. So beginnt es immer, nicht wahr? Drei Menschen weniger auf dem Globus, drei Namen, die morgen schon keiner mehr buchstabieren will. Die Ukraine und Russland haben sich gegenseitig über die Grenzen hinweg angegriffen, und am Ende dieser Rechnung stehen drei Tote. Eine Zahl, die so glatt ist, dass sie beinahe höflich wirkt. Beinahe.

Man muss kein General sein, um zu sehen, was hier läuft. Zwei Mühlen, die sich gegenseitig das Korn stehlen, und der Weizen, der danebenfällt, gehört den Bauern. So war es in Flandern, so war es in Gallipoli, so war es in jeder verdammten Schlacht, seit die Römer die Klingen kreuzten. Die Maschine braucht Futter, und das Futter sind Menschen. Aber halt. Schauen wir genauer hin. Schauen wir hinter die Schlagzeile, dorthin, wo das Licht nicht hinkommt.

Denn während die Kanonen reden, redet ein anderer Tisch mit. Die FIDE – der Internationale Schachverband, diese seltsame Bruderschaft aus Großmeistern und Funktionären – hat die Mitgliedschaft des russischen Schachverbands vorübergehend ausgesetzt. Vorübergehend. Wie in diesem Geschäft alles vorübergehend ist, bis es vergessen wird. Schach, diese königliche Kunst, die einst Zar und Bauer am selben Brett versammelte, ist nun Spielfeld der Geopolitik. Man sperrt Moskau vom Brett, weil man es von der Landkarte nicht sperren kann. Symbolpolitik, sagen die einen. Notwendige Geste, sagen die anderen. Wahr ist: Jemand in Lausanne oder wo auch immer die Herren tagen, hat begriffen, dass jeder Sportverband, jeder Kulturverband, jede zivile Institution in Wahrheit ein zweites Schlachtfeld ist. Wer das Schachbrett kontrolliert, kontrolliert die Köpfe derer, die ihm zusehen. Und wer den russischen Springer vom Brett nimmt, der sagt laut, was er leise meint: Wir spielen nicht mehr mit euch. Vorerst.

Und dann ist da Indien. New Delhi hat protestiert, scharf protestiert, wie es im Diplomatendeutsch so schön heißt, wenn man wütend ist, es aber nicht zeigen will. Drei indische Seeleute tot. Getötet bei Angriffen auf Schiffe, die indische Besatzung trugen, vor der Küste des Omans. Drei Inder, die auf einem Frachter standen und nichts wollten als ihren Lohn nach Hause tragen, und nun tragen sie nichts mehr nach Hause. Gar nichts.

Man halte das fest. Die Auseinandersetzung zwischen Kiew und Moskau frisst sich durch die Weltmeere, durch die Handelsrouten, durch die Hände einfacher Arbeiter, die nie gefragt wurden, ob sie mitspielen wollen. Der Golf von Oman ist weit weg von der ukrainischen Steppe. Aber die Schatten, die dieser Konflikt wirft, sind lang. Sehr lang. Wenn Geschosse und Minen nicht mehr zwischen den Fronten bleiben, sondern auf zivile Frachter in internationalen Gewässern treffen, dann ist die Eskalation keine Drohung mehr. Dann ist sie vollzogen. Still, schmutzig, ohne Pressekonferenz.

Wer profitiert? Wer hat ein Interesse daran, dass Handelsschiffe in diesen Gewässern brennen, dass Routen unsicher werden, dass Versicherungsprämien steigen? Wer kauft die gestrandete Ladung billig auf? Wer liefert Ersatz, wer finanziert die Umwege, wer kassiert an jeder Schleuse des Schreckens mit? Das sind die Fragen, die kein Leitartikel stellt, weil sie zu nah an den Tresen der Welt führen. Aber Morrison stellt sie. Aus einer Redaktion, die selbst kaum das Geld für die nächste Druckerrolle hat, aber Augen im Kopf.

Indiens Protest ist mehr als diplomatische Routine. New Delhi hat Seeleute, hat Handel, hat strategische Interessen im Indischen Ozean, die weit über das hinausgehen, was in den Spalten zwischen den Anzeigen steht. Wenn drei indische Staatsbürger auf einem Schiff sterben, das unter fremder Flagge fährt, dann ist das ein Blutverlust, der nach Antworten schreit. Antworten, die teuer werden könnten. Für wen, das werden die nächsten Wochen zeigen. Vielleicht die nächsten Monate. Vielleicht die nächsten drei Toten.

Drei Tote an der Grenze. Drei Tote auf See. Drei Bauern, die vom Brett gefegt werden, während die Könige ihre Türme verschanzen. Es ist immer dieselbe Zahl, nicht wahr? Immer dieselbe verdammte Zahl, während die Funktionäre tagen, die Verbände ausschließen, die Protestnoten verfassen, als gäbe es ein Protokoll für den Wahnsinn. Als ließe sich das Blut in ordentliche Spalten pressen.

Evelyn singt noch immer. Die Tasse ist leer. Irgendwo zwischen dem Schwarzen Meer und dem Golf von Oman zählt längst jemand die nächsten drei. Und das Brett, an dem wir sitzen, gehört nicht uns. Es wurde nie uns gehört.

✦ Ende des Artikels ✦
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