Ankara in Berlin: Das Spiel hinter dem Spiel
Man empfängt sich, wie man sich empfangen muss, wenn die Karten schlecht verteilt sind und niemand zugeben will, wer den letzten Stich gemacht hat. Die Delegation aus der Türkei trifft in Berlin ein, und die deutschen Gastgeber haben ihre Tische so gedeckt, wie man Tische deckt, wenn man höflich sein will, ohne etwas zu versprechen. Europäische Sicherheit, sagen sie, stehe ganz oben auf der Tagesordnung. Ein Satz, so glatt wie das Porzellan, aus dem niemand isst.
Es ist ein altes Spiel, und ich kenne es seit Genf. Wer die Agenda setzt, gewinnt die Deutung, und wer die Deutung gewinnt, hat die Geschichte bereits geschrieben, bevor der erste Stuhl gerückt wird. Türkei und Deutschland im Dialog — so steht es in den Communiqués, so steht es in den Zeitungen, so steht es in den Protokollen, die niemand liest, weil sie langweilig klingen und gefährlich sind. Zwei Quellen, die nicht miteinander reden, sich aber dasselbe sagen. Die eine flüstert von Hoffnung auf eine breitere regionale Stabilität, die andere spricht vom konkreten Geschäft. Beide lügen nicht, denn beide sagen nur, was sie sagen müssen — und das ist der kleinste gemeinsame Nenner, auf dem die Diplomatie ihre Türme baut.
Man muss verstehen, was sich hinter den Türen abspielt, während alle auf die Kameras starren. Das Europäische Parlament hat den türkischen Bericht für das Jahr 2025 kritisiert. Eine Geste? Eine Mahnung? Eine Anklage? Wer die Sprache der Parlamente liest, weiß, dass Kritik selten Bestrafung ist und immer Signal. Man tadelt, um zu zeigen, dass man noch tadelt. Man tadelt nicht, um zu verändern. Man tadelt, um zu erinnern, wer hier noch redet und wer nur noch zuhört — und wer die Handschuhe anzieht, bevor er die Hand reicht.
Dann die andere Bühne, die niemand betreten will und auf der doch alle stehen. Die Vereinigten Staaten haben am siebenundzwanzigsten Februar Operationen begonnen. Iran hat geantwortet. Die Worte klingen wie aus einem Telegramm der Jahrhundertwende, aber die Logik ist die alte, so alt wie die Rauchsäulen über den Botschaften: Wer zuerst zuckt, gewinnt den Vorwand. Ein Deal zwischen Iran und den USA? Beide Quellen sprechen davon, und gerade deshalb weiß niemand, welcher Deal gemeint ist. Die eine sieht eine umfassende Vereinbarung, die Region stabilisieren soll. Die andere sieht ein Geschäft, das getätigt wird, damit die Kameras am Abend etwas haben, das sie zeigen können, und die Archive einen Absatz, den sie einordnen können.
Die Ironie, die keine Zeitung drucken wird: Während in Berlin über europäische Sicherheit gesprochen wird, wird diese Sicherheit nicht in Europa entschieden. Sie wird entschieden zwischen Washington und Teheran, zwischen den Operationen, die am siebenundzwanzigsten Februar begannen, und den Vergeltungsschlägen, die folgen mussten, weil sie folgen mussten, weil niemand zurückweichen darf, wenn er die Bühne betreten hat. Ankara sitzt am Tisch, weil die Türkei immer am Tisch sitzt, wenn das Spiel um die östliche Flanke geführt wird. Berlin sitzt am Tisch, weil Europa sich nicht leisten kann, nicht am Tisch zu sitzen. Doch wer den Tisch bezahlt, ist eine andere Frage — und wer das Silber putzt, eine wieder andere.
Ich habe in Genf Verträge gesehen, die nie eingehalten wurden. Ich habe Männern in die Augen geschaut, die lächelten, während sie logen. Und ich habe gelernt, dass die gefährlichsten Sätze die sind, die alle wiederholen, ohne sie zu prüfen. Europäische Sicherheit stehe ganz oben auf der Tagesordnung. Das klingt wie ein Versprechen. Es ist eine Beschreibung der Leere. Denn die Sicherheit Europas wird derzeit nicht in Berlin verhandelt, sondern in den Korridoren dessen, was man eine Operation nennt, und in den Räumen dessen, was man einen Deal nennt, und in den Köpfen derer, die glauben, man könne gleichzeitig mit allen sprechen, ohne mit irgendjemandem etwas zu vereinbaren.
Zwei Quellen. Zwei Erzählungen. Eine Wahrheit, die niemand ausspricht, weil sie alle beschäftigt. Die eine Quelle hofft auf Stabilität. Die andere spricht vom Geschäft. Beide haben Recht, denn Stabilität ist das Geschäft, und das Geschäft ist die Stabilität. Es ist der alte Tanz, bei dem die Musik längst gewechselt hat, während die Paare noch die alten Schritte tanzen, die Stirn konzentriert, die Handschuhe weiß, das Lächeln perfekt.
Ankara kommt nach Berlin. Berlin empfängt Ankara. Das Europäische Parlament kritisiert den Bericht. Die USA operieren seit dem siebenundzwanzigsten Februar. Iran antwortet. Und am Ende, wenn die Kameras aus sind und die Handschuhe übergestülpt werden, wird es ein Communiqué geben, in dem steht, dass man im Dialog bleibt. Im Dialog bleibt. Wie man in einem Haus bleibt, in dem es längst brennt, weil der Ausgang versperrt ist und man sich nicht traut, das Fenster zu öffnen, aus Angst, man könnte sehen, was man nicht sehen will.