Am ausgetrockneten Fluss: Wie Tamil Nadu um Wasser, Strom und Würde bittet
Man muss die Männer dieser Stadt nicht beim Wort nehmen. Man muss nur beobachten, wie sie das Wasser zählen, während sie vom Regen reden. In Chennai wurde in dieser Woche das Kaveri-Delta zur dürregezeichneten Zone erklärt — eine Verwaltungsform, die wie eine Gnade klingt und wie ein Urteil vollstreckt wird. G.K. Vasan, dessen Name im politischen Chennai seit drei Generationen wie ein Möbelstück steht, das niemand mehr wirklich braucht, hat die Regierung seines Staates aufgefordert, sich beim nördlichen Nachbarn Karnataka um die Freigabe von Kaveri-Wasser zu bemühen. Die Bitte ist alt, der Ton ist neu, und die Aussichten sind — man darf das wohl sagen — so verlässlich wie der Monsun, der in diesem Jahr schwach ausgefallen ist.
Die Speicher in Karnataka sind niedrig. Das weiß jeder, der die Pegelstände liest. Die Wetterbehörden haben verstreuten Regen in mehreren Distrikten Tamil Nadus bis Montag in Aussicht gestellt, was so viel bedeutet wie: Es wird irgendwann irgendwo ein wenig fallen, und der Rest wird warten. Was hier als Naturereignis daherkommt, ist in Wahrheit eine hydrologische Bilanz der Macht. Wasser ist in Südasien seit jeher das, was Öl in anderen Breiten ist — eine Währung, die zwischen den Häusern hin- und hergeschoben wird, mit Verträgen, die niemand zu brechen wagt, und mit Verträgen, die niemand einhält, weil das Brechen billiger kommt. Man hat in Genf Dokumente gesehen, die genau so funktionierten: ordentlich paraphiert, sorgfältig gerahmt, und im entscheidenden Moment ein Stück Papier, das niemand mehr aufschlägt.
Nun also das Weißbuch. Ein Weißbuch, das in seiner nüchternen Aufzählung dessen, was fehlt, lauter ist als jede Pressekonferenz. Die Einnahmen brechen ein, der Treibstoffverbrauch zeichnet Linien, die niemand erklären kann, und bei der Stromverteilung klafft ein Defizit, das in Zahlen gefasst eine schlichte Wahrheit sagt: Der Staat kann nicht mehr so liefern, wie er versprochen hat. Das Weißbuch trifft Menschen — diese kleine, bürokratische Wendung, die in jeder Sprache der Welt für dieselbe Sache steht.
In dieselbe Woche fällt die Nachricht, dass Karnataka in seinen staatlichen Hochschulen fünfzig Labore für künstliche Intelligenz einrichten wird. Man darf sich einen Moment lang vorstellen, wie diese beiden Bilder nebeneinanderstehen: hier ein Staat, der das Wasser nicht mehr hergeben kann, dort ein Staat, der die Rechenmaschine der Zukunft aufstellt. Es ist kein Widerspruch — es ist die übliche Geographie der Aufmerksamkeit. Was glänzt, wird gebaut; was fließt, wird verhandelt.
Und während über die Köpfe der Bevölkerung hinweg Wasser, Strom und Geld neu verteilt werden, vollzieht die Verwaltung zwei kleine Bewegungen, die zusammen ein vollständiges Bild ergeben. Die Empfängerinnen von Gruha Lakshmi und Gruha Jyothi — Programme, die nach Hause und nach Licht klangen und nichts anderes waren als die monatliche Überweisung eines Wahlversprechens — müssen sich neu bewerben. Man nennt das Säuberung der Kartei. Man nennt das auch anders. Die Polizei, unterdessen, verschärft ihre Razzien gegen Rowdies und Drogenstraftäter, was zuverlässig die Lieblingsbeschäftigung eines Staates ist, der den Blick auf die eigenen Bilanzen nicht erträgt.
Es regnet ein wenig. Bis Montag, sagt man, in verschiedenen Distrikten. Der Kaveri bleibt, was er war: ein Fluss zwischen zwei Häusern, dessen Wasser jedes Jahr neu zugeschnitten wird, als schnitte man Stoff für ein Kleid, das keinem der beiden Beteiligten mehr passt. Und die Männer, die in Chennai dasitzen und Protokolle unterschreiben, lächeln, während die Dürre wächst. Sie haben das gelernt. Manche lernen es von ihrem Vater.