Die Algebra der Angst: Wie Versicherer aus Gebrechen Gewinn ziehen
Es gibt Sätze, die klingen wie Mitgefühl und funktionieren wie Fallbeile. „Well, you're 77 years old and you've had all these things in the past" — sagt der Mann am anderen Ende der Leitung, während er tippt, und Bernie Lawrence steht in seiner Küche in Fleet, Hampshire, und hält den Hörer, als hätte man ihm soeben mitgeteilt, dass die Luft ab morgen kostenpflichtig ist.
Lawrence ist siebenundsiebzig. Vor sieben Jahren, als er noch lief — seine Frau Barbara sagt, er sei immer aktiv und fit gewesen —, bekam er Schmerzen in der Brust. Neun Tage später lag er auf dem Tisch, vier Bypässe, das Herz neu verdrahtet wie ein altes Telefonnetz. Vor der Operation zahlte das Paar weniger als hundert Pfund im Jahr für eine Reiseversicherung, ganz Europa, ein Betrag, über den man nicht weiter nachdenkt. 2022 waren es 302 Pfund. Nach einer kurzen Phase von Vorhofflimmern — ein Wort, das klingt wie ein Roman von Thomas Mann, in Wahrheit nur heißt, dass das Herz manchmal stolpert —, und nachdem er auf eine NHS-Warteliste für ein Echokardiogramm gesetzt wurde, belief sich das Angebot auf eintausendzweihundert Pfund. Für ein Dokument, das ihm im Wesentlichen bestätigen sollte, was er ohnehin wusste: dass es vorbei war und vermutlich nicht wiederkommen würde.
Warten, bis der NHS Zeit findet, konnte er sich nicht leisten — nicht die Zeit selbst, denn Zeit ist das, was einem im Alter am wenigsten bleibt, sondern das Risiko, dass die Police in der Zwischenzeit weiter steigt. Lawrence zahlte die Untersuchung privat. Die Entwarnung kam, der neue Preis fiel auf 584 Pfund. 2024 zahlte das Paar 805 Pfund. In diesem Jahr, vor einer Kreuzfahrt im Mittelmeer, sind es eintausendneun. Die Kurve steigt gleichmäßig, unerbittlich, wie eine Treppe, auf der jede Stufe ein Jahr ist.
Lawrence sagt, er glaube, die Versicherer sähen ältere Menschen als „a bit of a cash cow". Er sagt es nicht anklagend, er sagt es wie jemand, der über das Wetter spricht: als Tatsache, die man zur Kenntnis nimmt, weil man sie nicht ändern kann. „You can't really argue with them" — man kann nicht streiten — denn sie haben eine Formel, und die Formel hat immer recht. 77. Vorgeschichte. Bereits abgerechnet. Der Cursor blinkt.
Hinter dem Vorhang, vor den alle starren — der Screenshot mit der Zahl, der Anruf, die höfliche Weigerung —, sitzt die Maschinerie. Eine Industrie, die in Großbritannien 262 Millionen Pfund pro Jahr für medizinische Notfälle von Reisenden auszahlt. Eine Industrie, die gleichzeitig laut einer Umfrage des Spezialversicherers AllClear weiß, dass achtzehn Prozent der Briten in diesem Sommer ohne Versicherung reisen werden, weil der Preis sie ausgeschlossen hat. Man kann das Geschäftsmodell nennen, man kann es Zynismus nennen — beides meint dasselbe. Denn wer nicht mitmacht, ist ungeschützt, und wer ungeschützt in den Vereinigten Staaten oder Kanada erkrankt, bezahlt Hunderttausende. Es ist das perfekte Räderwerk: Man schreibt die Prämie so hoch, dass die Gesunden sie kaum bemerken und die Kranken sie kaum zahlen können, und die Verzweiflung dazwischen ist der Markt.
James Daley, Gründer der Ratingagentur Fairer Finance, formuliert es nüchtern: Es sei wichtig, die richtige Deckung zu finden. Er sagt das, wie man einen Satz sagt, den man seit Jahren sagt, während man zusieht, wie genau diese Deckung für immer mehr Menschen zur Fata Morgana wird.
Was hier zu beobachten ist, ist keine Ausnahme, sondern die Blaupause. Die Branche hat — wie jede Branche, die das Risiko als Ware verkauft — eine Sprache erfunden, in der „Vorerkrankung" nicht Diagnose bedeutet, sondern Tarifklasse; in der „Offenlegung" nicht Wahrheit bedeutet, sondern Vertragsgrundlage, deren Verschweigen die Police zu Papier werden lässt; in der „Angemessenheit" nicht Schutz bedeutet, sondern Preis. Wer es sich leisten kann, den Vorgang zu durchlaufen, zahlt die Gebühr des Wartens, des Dokumentierens, des erneuten Beweisens, dass man noch leben darf, wie man gelebt hat. Wer es sich nicht leisten kann, reist ohne Netz. Das Netz weiß das.
Lawrence, der nie einen Schaden an seiner Police angemeldet hat — nicht einmal einen verlorenen Koffer —, zahlt seit Jahren steigende Preise für das abstrakte Versprechen, dass, falls etwas geschieht, jemand bezahlt. Er wird weiter zahlen, denn er ist der ideale Kunde dieser Industrie: ein Mann, der die Regeln kennt, sie akzeptiert und trotzdem unterschreibt. Tragfähig nennt man das im Jargon. Man könnte auch sagen: er ist höflich geblieben.
Wir leben in einer Zeit, in der das Alter selbst zur Vertragsklausel geworden ist. In der das Herz, das weiter schlägt, ein Attribut ist, das seine eigene Taxonomie hat. In der die Versicherung das Unglück nicht verhindert, sondern in eine Spalte der Tabelle verwandelt — und die Tabelle gehört nicht dem, der unterschreibt.
Die nächste Kreuzfahrt kommt bestimmt. Mit ihr eine neue Zahl, ein neuer Anruf, ein höflicher Mann, der fragt: „Any pre-existing conditions?" — und so tut, als sei das eine Frage.