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Heilkunde ohne Befugnis — Anatomie einer schweigenden Schuld

18. Juni 2026 — — — Kastner

In den Außenbezirken von Tirupattur, dort wo die geteerte Straße aufhört und die Lehmwege beginnen, haben zwei Männer jahrelang eine Heilanstalt betrieben, die keine war. K. Elango, achtundsechzig Jahre alt, Absolvent eines Krankenpflegestudiums. S. Santhosh, sechsunddreißig, Inhaber eines Diploms derselben Disziplin. Beide ohne jene Zulassung, die ein Staat vergibt, bevor er einen Menschen in die Nähe von Kranken lässt. Beide ausgestattet mit jener Mischung aus Verwegenheit und Verzweiflung, die in den Dörfern Indiens — und nicht nur dort — die einzige Antwort auf das lange Schweigen der Behörden ist.

Sie mieteten ein Haus am Rand der Siedlung. Sie richteten es her als Klinik und Apotheke, in einem Atemzug genannt, weil man im Dorf diese beiden Dinge nicht trennt. Wer heilt, der gibt auch die Medizin. Wer Medizin gibt, der heilt. So lautet der stille Vertrag, den die Ärmsten untereinander schließen, wenn der nächste zugelassene Arzt eine Tagesreise entfernt sitzt und das Fieber des Kindes keine Geduld kennt. Fünfunddreißig bis fünfzig Patienten, im Schnitt, täglich. So steht es im Protokoll, das die Gesundheitsbehörde nach der Razzia anfertigte. Eine Zahl, die weniger Auskunft gibt über die beiden Verhafteten als über jene Institution, die sie jahrelang gewähren ließ.

Dann, an einem Samstag im Juni des Jahres 2026, rückte das Sonderkommando an. Geleitet von V. Gnana Meenakshi, Joint Director of Health Services — einem Titel, der in der Hierarchie der Bürokratie glänzt wie eine Ordensspange, die niemand mehr an die Brust heftet. Begleitet wurde das Aufgebot von einem Arzt, einem Apotheker und einem Drogeninspektor — drei Augenpaare also, die suchten, was sie zu finden wünschten. Sie fanden gebrauchte medizinische Geräte. Sie fanden Rezepte. Sie fanden Briefbögen — jenes Papier der Autorität, das sich jeder aneignet, der sich wichtig genug dünkt, um etwas zu verschreiben. Was sie nicht fanden, war ein Verzeichnis jener Patienten, denen diese Männer in den vergangenen Jahren das Leben gerettet oder es ihnen wenigstens erträglicher gemacht hatten. Solche Listen fertigt die Behörde nicht an. Solche Listen fertigt niemand an.

Die Klinik wurde versiegelt. Das Material beschlagnahmt. Die beiden Männer landeten im Sub-Gefängnis von Tirupattur, jener Anstalt, in der das Versagen der öffentlichen Fürsorge seine Visitenkarte ablegt. Ein Fall wurde von der Polizei des Taluks eröffnet. Die Untersuchung läuft. Sie läuft, wie Untersuchungen in solchen Fällen eben laufen — in jenem feierlichen Schneckentempo, das sich ergibt, wenn die Täter längst bekannt sind und die Ursache niemanden mehr interessiert.

Man nennt sie Scharlatane. Das Wort ist grob, und es ist bequem. Scharlatane sind Bühnenfiguren, Marktschreier, die in die Stadt gehen und bares Geld einsammeln für hübsche Versprechen. Diese beiden waren keine Bühnenfiguren. Sie waren die notdürftige Antwort auf eine Frage, die der Staat seit Jahrzehnten nicht beantwortet. In den Dörfern rund um Tirupattur fehlen approbierte Ärzte. Nicht weil es an Menschen mangelt, die heilen könnten, sondern weil der Markt, der sie ausbildet, sie in die Städte zieht, in die Privatkliniken, in jene Gehälter, die ein Landarzt niemals erreicht. Was bleibt, ist das Niemandsland der Versorgung. Und in diesem Niemandsland siedeln sich die Elangos und die Santhoshs an, weil täglich fünfunddreißig bis fünfzig Menschen vor der Tür stehen und warten. Ob ihr Diplom sie berechtigte, Rezepte zu schreiben, Verbände zu wechseln, Diagnosen zu stellen — das ist die juristische Frage, und das Gericht wird sie beantworten. Die menschliche Frage lautet, warum diese Patienten überhaupt zu kommen gezwungen waren.

Die Behörden sprechen von einer Spezialaktion. Ein Wort, das nach Skalpell klingt, nach einem chirurgischen Schnitt, der das Kranke vom Gesunden trennt. In Wahrheit wurde hier keine Operation vollzogen. Es wurde eine Plombe gesetzt auf ein Loch, das so groß war, dass jeder es kannte, und das an der nächsten Stelle wieder aufbrechen wird. Die versiegelten Räume dieses gemieteten Hauses sind keine Ausnahme. Sie sind die Regel — nur eben jene Regel, die man gelegentlich exemplarisch verfolgt, damit am Ende die Statistik stimmt und die Zeitung am folgenden Tag schreiben kann, der Staat habe eingegriffen. Eingeschritten. Gehandelt. Die schönen Verben, mit denen man Untätigkeit zu Tat umfärbt.

Was mit den fünfunddreißig bis fünfzig Patienten von morgen geschieht — mit den fiebernden Kindern, den chronisch Kranken, den Frauen, die sonst niemanden haben — das steht in keinem Protokoll. Das steht in keinem Abschlussbericht. Das steht in der langen, schweigenden Akte der Gleichgültigkeit, die mächtiger ist als jede Verordnung und die sich auch durch die beste Plombe nicht versiegeln lässt.

Elango hat ein Examen. Santhosh hat ein Diplom. Sie haben getan, was sie konnten, mit dem, was sie hatten, dort, wo man sie ließ. Das ist keine Rechtfertigung. Das ist die präzisere Diagnose eines Staates, der seine Kranken allein lässt und dann diejenigen bestraft, die zu ihnen gehen.

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