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Die zweite Schwächung

18. Juni 2026 — — — Kastner

Man muss den Briten zugutehalten, dass sie Theater verstehen. Die Bühne heißt Westminster, die Kulisse ist Labour, und das Stück, das seit Monaten gespielt wird, trägt einen Titel, den man schon kennt, bevor der Vorhang aufgeht: Die zweite Schwächung. Wieder einmal, möchte man sagen, aber das wäre ungenau. Es ist nicht die Wiederholung, die zählt, sondern die Geste, mit der sie als Fortschritt verkauft wird.

Die ZEV-Mandate, jener Mechanismus, der einst dafür geschaffen wurde, den britischen Automarkt in eine elektrische Zukunft zu zwingen, wird dieser Tage zum zweiten Mal aufgeweicht. Achtzig Prozent sollten es bis 2030 sein, reine Elektroautos, gemessen am Verkauf. Nun sind es fünfzig. Die Regierung, heißt es aus gut unterrichteten Kreisen, werde das Ziel senken. Die Sonntagszeitung weiß es längst, die Ministerien dementieren nicht einmal mehr richtig. Wer in dieser Stadt lesen kann, liest zwischen den Zeilen das Datum der Pressekonferenz.

Der britische Premier, Keir Starmer, wird dem Vernehmen nach seinen eigenen Energieminister überstimmen. Ed Miliband, der Mann, der für die Klimapolitik dieser Regierung steht, wird marginalisiert, mit derselben höflichen Beharrlichkeit, mit der man in Westminster Kollegen beiseiteschiebt, die zu lange an etwas festgehalten haben, das man nicht mehr finanzieren will. Es ist die Architektur der Diskretion: Man sagt es nicht, man tut es, und wenn jemand fragt, war es ein Reifeprozess, eine Frage der Praktikabilität, eine Anpassung an die Realität. Die Wörter wechseln, die Richtung bleibt.

Man darf nicht vergessen, dass diese Regierung sich geschworen hatte, nicht zu flip-floppen. Sie habe, so hieß es im Wahlkampf und danach, die Lektion der Konservativen gelernt, jener Tories, die das Elektroauto zur Achterbahn machten, mit jedem Premier ein neues Ziel, mit jeder Krise eine neue Ausflucht. Labour wolle Beständigkeit. Labour wolle Verlässlichkeit. Die Industrie, die man aufrief, Milliarden in Ladeinfrastruktur zu investieren, tat es. Sie grub Kabel, sie stellte Säulen auf, sie kalkulierte mit einer Welt, die kommen würde. ChargeUK, der Branchenverband, hat es schriftlich: Milliarden, verbuddelt im Vertrauen auf ein Versprechen, das nun zum zweiten Mal gebrochen wird.

Dass die Vorzeichen schon im vergangenen Jahr gesetzt wurden, gehört zur Vollständigkeit der Inszenierung. Damals, 2025, öffnete man die Flexibilitäten, jene Schlupflöcher, die den Verkauf von Plug-in-Hybriden erlaubten, jener Fahrzeuge also, die einen Verbrennungsmotor an Bord haben und sich Elektroauto nennen, wenn es der Bilanz hilft. Diese Flexibilitäten waren der erste Schnitt. Nun kommt der zweite, tiefer, offener. Achtzig Prozent wurden zu fünfzig, und die Hersteller, die man schützen wollte, atmen auf, während die Investoren, die man locken wollte, leiser werden.

Vicky Read, Chefin von ChargeUK, nennt das Vorhaben in einem Wort, das in der britischen Politik selten fällt: astonishing. Es werde, schreibt sie, Zehntausende Arbeitsplätze kosten, längerfristig, und die Glaubwürdigkeit der Regierung zerstören, die sich so gern als beständig verkauft. Greg Jackson, der Chef von Octopus Energy, einem Unternehmen, das zu den größten Investoren in Ladeinfrastruktur und Elektroleasing gehört, spricht von short-termist incumbent lobbying. Man habe die kurzfristigen Interessen der Etablierten gewählt, auf Kosten der langfristigen Zukunft der Industrie. Die fossile Welt schrumpfe, sagt er, überall auf dem Globus, und Großbritannien, einst stolz auf seine Vorreiterrolle, bremse sich selbst aus. Delvin Lane von InstaVolt, einem Netz ultraschneller Ladestationen, formuliert es im Jargon derjenigen, die Geld verbrennen, um Geld zu verdienen: Die Branche brauche stabile Rahmenbedingungen, lange Vorlaufzeiten, Glaubwürdigkeit. Wer die Spielregeln mitten im Spiel ändere, verliere das Spiel, noch bevor es zu Ende ist.

Und Polestar, die schwedische Elektromarke, deren britischer Geschäftsführer sich selten zu politischen Fragen äußert, dies aber ausdrücklich tut, sagt es ohne Umschweife: Die Schwächung erlaube es den Herstellern, die Entwicklung der Elektromobilität zu verlangsamen, genau in dem Moment, in dem sie beschleunigen müssten. Das ist, in der Sprache des Geldes, ein Todesurteil auf Raten. Denn wer heute bremst, verliert morgen den Anschluss an jene Märkte, die nicht bremsen.

Man darf hinzufügen, was in den Stellungnahmen nicht steht, aber jeder weiß, der die Mechanik kennt: Die Lobbyisten der traditionellen Hersteller, die Gewerkschaften, die um Arbeitsplätze in Werken bangen, die noch Verbrenner bauen, und eine Regierung, die sich vor der nächsten Wahl fürchtet, haben sich in einem stillen Raum zusammengesetzt. Das Ergebnis ist eine Zahl. Fünfzig Prozent. Es ist die Mathematik der Angst, und sie ist älter als jede Klimakonferenz.

Dass die Verkaufszahlen hinter den eigenen Zielen zurückbleiben, ist kein Geheimnis. Im vergangenen Jahr machten Elektroautos 23,4 Prozent der Neuzulassungen aus, weit unter der Schwelle von 28 Prozent, die das Mandat vorsah. Im Mai dieses Jahres waren es 27,3 Prozent, gegen ein Soll von 33 Prozent. Die Hersteller zahlen Strafen von bis zu zwölftausend Pfund pro Fahrzeug, das unter der Quote liegt. Es ist eine Industrie, die mit dem Rücken zur Wand steht, und man kann verstehen, dass sie ruft. Die Frage ist nur, wohin man ihr entgegenkommt. Wenn man die Quote senkt, senkt man den Druck, aber auch die Richtung. Man löst die Bremse, indem man das Ziel auflöst. Das ist keine Industriepolitik. Das ist Kapitulation mit Pressekonferenz.

Am Ende, und das ist die Pointe, die niemand ausspricht, bleibt ein Land zurück, das seiner eigenen Industrie gesagt hat: Investiert, und wir halten Wort. Dann hat es das Wort gebrochen, höflich, mit Komma, mit Flexibilität, mit einem Energieminister, der überstimmt wird, damit das Gesicht der Regierung gewahrt bleibt. Die zweite Schwächung, die man als Reife verkauft, ist in Wahrheit ein Geständnis: Man wusste, was man versprach, und man wusste, dass man es nicht halten würde. Dazwischen lagen nur die Investoren, die Ladesäulen, die Arbeitsplätze, und die kleine, lästige Wahrheit, dass Glaubwürdigkeit, einmal verloren, nicht zurückkommt, auch nicht mit Pressemitteilung.

Vera Kastner schreibt für die Terminal Tribune aus Genf und überall dort, wo Männer lächeln, während sie unterschreiben.

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