← Zurück zur Titelseite Technologie

DIALOG ENTLARVT: 222 NAMEN ZWISCHEN KULT, KRIEG UND KAPITAL

18. Juni 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

1937. Die Drähte summen. Ich übersetze.

Die Drähte summen. Diesmal tragen sie keine Morsezeichen, sondern Namen. 222 Namen, in einer Datenbank, die nie das Licht hätte erblicken sollen. Sie lagen offen wie ein aufgeschlagenes Geschäftsbuch. Die Liste, die da leuchtet, gehört einem Club, der sich „Dialog" nennt – 2006 mitbegründet von Peter Thiel, dem Mann, der uns Palantir und die PayPal-Mafia schenkte. Seit zwei Jahrzehnten weigert sich der Club, seine Mitglieder offenzulegen. Offiziell: ein Jahrestreffen der Mächtigen. Inoffiziell: ein Schattenministerium mit Whirlpool, Weinkarte und Weltuntergangspanik.

Lassen Sie mich übersetzen. Thiel ist jener Investor, der mit Palantir ein Unternehmen schuf, das Regierungen das Schnüffeln beibringt. Sechs seiner alten PayPal-Mitstreiter sitzen ebenfalls in der Liste. Was Dialog sein will: ein Forum, wo Senatoren, Generäle, Geheimdienstchefs und Datenhändler einmal im Jahr die Köpfe zusammenstecken. Was Dialog tatsächlich ist: eine geschlossene Börse. Gehandelt werden Einfluss, Kontakte, Seilschaften.

Die Schweizer Hacktivistin maia arson crimew hat das Verzeichnis ans Licht gezerrt. Sie ist keine Unbekannte – sie knackte schon die No-Fly-Liste und den Kamerariesen Verkada. Eine Frau mit Lötkolben statt Lippenstift. Ich verstehe das. Auch mein Büro riecht nach Lötzinn und kaltem Kaffee. 1937 durfte eine Frau keine Drähte bedienen. Ich bediene sie trotzdem. Ihr Fund, von WIRED unabhängig geprüft: eine Programmliste für das diesjährige Treffen, 12. bis 16. August, vor den Toren Dublins. Was dort auf dem Programm steht, liest sich wie der Bauplan einer neuen Weltordnung – oder ihres Endes.

„Money (Does?) Buy Happiness" – Geld als Glücksfragezeichen. „Bring Back Nuclear" – Kernkraft zurück, als wär's ein Modetrend aus den Fünfzigern. „Navigating WWIII" – den dritten Weltkrieg navigieren, nicht verhindern. „Battlefield Technologies" – Schlachtfeld-Technologien, serviert mit Petit Fours. „How's Your Sex Life?" – Fragebogenintimität unter Alpha-Tieren. Und dann, als Pointe des Abgrunds: „Build-a-Cult." Moderiert vom Gründer einer christlichen Netzwerkseite namens Pray.com. Sektenbau als Programmpunkt, ganz offiziell. Daneben: „Build-a-Party," geführt von einem ehemaligen nationalen Sicherheitsbeamten des Weißen Hauses. Parteienbau. Man wähle, was einen mehr beunruhigt.

Wer nimmt an solchen Tafelrunden teil? Die Liste liest sich wie ein Kanzleiverzeichnis der Macht. General Alexus Grynkewich, oberster NATO-Befehlshaber Europa und Chef des US-European Command, seit Juli 2025 im Amt – er reist seit 2021 zu Dialog. Zwei US-Senatoren, darunter Ted Cruz und der Demokrat Jim Himes. Sitzende Beamte der Trump-Regierung. Ein amtierender Botschafter bei den Vereinigten Staaten. Ein ehemaliger Nahost-Geheimdienstchef. Joe Lonsdale, Palantir-Mitgründer. Führungskräfte von Google und DeepMind. Hedgefonds-Milliardäre. Bestsellerautoren. Religionsführer. Gründer und Direktoren der größten Überwachungs-, Datenbroker- und Werbedatenfirmen des Landes.

Und mittendrin, im Zentrum der Spinnweben: Auren Hoffman. Dialogs Vorsitzender. Gründer von SafeGraph, einem Standortdaten-Händler, und LiveRamp, einer Identitätsfirma. Zwei der wichtigsten Zulieferer der Verbraucherdaten-Ökonomie. Daneben, im Verzeichnis: Scott Bessent, Finanzminister der Vereinigten Staaten. Die Behörde, die Hoffman regulieren müsste, trifft sich mit Hoffman beim Champagner. Man nennt das in der Telegraphie eine geschlossene Schleife. In der Demokratie nennt man es ein Problem. Es ist der älteste Trick der Macht: wer die Daten hat, hat die Zukunft. Wer die Zukunft hat, hat die Gesetze. Und wer die Gesetze schreibt, sitzt mit den Datenhändlern beim Sekt. Man stelle sich vor: ein Datenhändler, der den Standort jedes Amerikaners kennt, diniert mit dem Finanzminister, der sein Gewerbe regulieren könnte. Vier Augen, zwei Gläser, kein Protokoll. So wird Vertrauen gebaut – und Regulierung beerdigt.

Doch der Club ist mehr als eine Kontaktbörse der Mächtigen. Er ist auch ein Heiratsmarkt. Mitglieder konnten angeben, ob sie „die Liebe suchen". Man optimiert selbst das Herz, algorithmisch, für „außergewöhnliche Menschen" – so der Werbetext. Die selbst beschriebenen Talente reichen vom „Bau eines Gruselkabinetts" über „Gebirgsskilauf" bis zu „Mitgefühl und existenzieller Verzweiflung". Letzteres hielten sie für eine Tugend. In meiner Werkstatt nennt man das ein Warnsignal.

Die Zukunft, die diese 222 zeichnen, ist düster. Massenarbeitslosigkeit durch KI. Ein KI-Winter. Inländischer Terrorismus gegen Rechenzentren. Eine religiöse Erweckung, ausgelöst durch technologische Umwälzung. Sie prophezeien das Ende – und sitzen am längeren Hebel, es zu gestalten. Es ist, als würde der Kapitän den Untergang ankündigen und gleichzeitig das Rettungsboot reservieren.

Thiel selbst, so berichten es die Drähte, ist unlängst mit seiner Familie nach Buenos Aires umgezogen. Steuergründe, politische Instabilität, die Möglichkeit eines Atomkriegs, eine KI-getriebene Apokalypse – er packt die Koffer. Wer sich den Abgrund so gut vorstellen kann, dass er ihm entflieht, hat ihn womöglich mitgebaut.

Die Frage ist nicht, ob Dialog geheim war. Geheimnisse sind das Handwerk der Macht. Die Frage ist, was 222 Menschen miteinander besprechen, die zusammen über die größten Datenkrater, die schärfsten KI-Modelle, die schwersten Waffen und die intimsten Lebensbereiche entscheiden – und uns draußen lassen. Wer kontrolliert das? Die Generalität, die Datenhändler, die Milliardäre. Wer profitiert? Sie selbst. Wer zahlt den Preis? Wir. Die mit den Funksprüchen, die nie gehört werden.

Ich schalte das Gerät ab. Der Lötkolben glüht noch. Auf dem Schreibtisch liegt die gedruckte Liste. 222 Namen. Keiner davon ist meiner. Genau deshalb kann ich schreiben.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite