ÖL, EHRENWORT, 136 SCHIFFE — TRUMPS HORMUS-DEAL RIECHT NACH KRIEG
Paris riecht im Mai nach Regen und nach dem Parfüm von Leuten, die sich wichtig finden. In einem Saal, dessen Kronleuchter schwerer wiegen als jede diplomatische Vernunft, haben Donald Trump und Masoud Pezeshkian gestern ihre Unterschriften unter ein Abkommen gesetzt, das die Welt für sechzig Tage ruhigstellen soll. Sechzig Tage. Dann Verhandlung. Dann, vielleicht, Verlängerung. Vielleicht Frieden. Vielleicht gar nichts.
Ich sitze in einer Bar zwei Querstraßen weiter. Der Bourbon steht vor mir wie ein Mahnmal, und Evelyn singt im Hintergrund ein Lied, das nach Abschied klingt. Was soll ich Ihnen sagen, das Sie nicht längst ahnen?
Dass die Vereinigten Staaten von Amerika — Schutzmacht der freien Seefahrt, selbsternannter Polizist der Weltmeere — in den vergangenen Wochen einhundertsechsunddreißig kommerzielle Schiffe im Golf von Oman und in der Straße von Hormus umgeleitet haben. Per Funk, per Druck, per Gewehrlauf. Einhundertsechsunddreißig Frachter, deren Reedereien keine Wahl hatten, als den amerikanischen Anweisungen zu folgen. Eine Zahl, die in Washington nach Bürokratie klingt, im Persischen Golf aber nach Zwang schmeckt.
Dass iranische Schnellboote in derselben Wasserstraße Handelsschiffen die Einfahrt verweigert haben. Dass die US-Marine dort eine Blockade durchsetzt — offiziell, um den Schiffsverkehr zu stabilisieren, in Wahrheit, weil wer den Ölhals der Welt am Handgelenk hält, den Puls der Welt kontrolliert.
Dass amerikanische Kriegsschiffe zivile Frachter angegriffen haben, beladen mit Öl, bemannt mit indischen Seeleuten. Männer aus Mumbai, aus Cochin, aus den Fischerdörfern Keralas, deren Namen auf keiner Karte in Washington stehen. Männer, die ihr Leben lang nichts anderes wollten, als Öl von A nach B zu schippern — und die nun zwischen Kreuzfahrt und Kreuzfeuer geraten sind.
So viel zu den Fakten, die durch die Ritzen sickern.
Was nicht durchsickert: warum die USA überhaupt ein Abkommen unterzeichnen, das sie selbst nicht für haltbar halten. Hinter verschlossenen Türen, so hört man aus den Korridoren des State Department, zweifelt man in Washington, dass Iran die Waffenruhe einhalten wird. Trump selbst — so raunt man in den Vorzimmern — zweifelt am Pakt, den er gestern eigenhändig unterschrieben hat. Ein Mann, der seinen eigenen Vertrag nicht glaubt, ist entweder Prophet oder Hochstapler. Bei Donald Trump ist die Antwort meistens beides.
Pezeshkian seinerseits spricht von Stärke. Iran, sagt er, kontrolliert die Meerenge. Wer in Hormus einläuft, läuft auf iranische Erlaubnis. Das ist kein Größenwahn. Das ist Geografie, gepaart mit Revolutionsgarden auf Schnellbooten und Raketen an der Küste. Wer den Schließmuskel des Welthandels bedient, hat mehr Macht, als ihm der UN-Sicherheitsrat jemals zugestehen wird.
Und so stehen sie also da, in Paris, lächeln für die Kameras, schütteln Hände, die noch nach Schießpulver riechen. Sechzig Tage, um aus dem Pulverfass einen Salon zu machen. Die Franzosen reichen den Champagner, die Amerikaner die Erklärungen, die Iraner das Pokerface.
Wer gewinnt dieses Spiel?
Die Amerikaner behaupten, sie hätten Iran an den Verhandlungstisch gezwungen. Iran behauptet, es habe die Amerikaner an den Tisch gebeten. Beide lügen. Beide haben ein Stück weit recht. Denn wer mit umgeleiteten Schiffen und blockierten Tankern in ein Abkommen stolpert, hat nichts gewonnen außer Zeit.
Zeit, in der das Öl weiter fließt — oder auch nicht. Zeit, in der die Börsen in New York und Teheran so tun, als wäre morgen ein gewöhnlicher Mittwoch. Zeit, in der indische Seeleute auf ihren Brücken stehen und nicht wissen, ob die nächste Patrouille Gewehre oder Handelseinladungen bringt.
In Washington sagt man: Wir kommen einem Deal zur Wiedereröffnung der Meerenge näher. Eine schöne Phrase. So diplomatisch. So hohl. Näher ist ein relativer Begriff. Näher als der totale Krieg ist auch der Schlaganfall.
Sechzig Tage. Dann, so heißt es, Verhandlung über einen Endvertrag. Vielleicht eine Verlängerung um dreißig, sechzig, neunzig Tage. Vielleicht ein neues Kapitel im Buch der westlich-östlichen Missverständnisse. Vielleicht auch nur das übliche Spiel: unterzeichnen, verraten, neu unterzeichnen.
Ich sitze hier, der Bourbon wird warm, Evelyn hat aufgehört zu singen. Durch die blinde Scheibe sieht man das Licht eines Cafés, in dem Männer mit Aktentaschen sitzen und so tun, als wüssten sie, was sie tun.
Eines weiß ich sicher: Wenn dieser Deal hält, war er das Papier nicht wert, auf dem er steht. Und wenn er bricht, wird niemand zugeben, dass er es von Anfang an wusste.
Morrison, Paris, im Regen.