Schach um Jalisco: Die wahren Züge des 27. Februar
Manche Daten tragen das Gewicht von Sarkophagen. Der 27. Februar ist ein solcher. An diesem Tag begannen die Vereinigten Staaten jene Operationen in Mexiko, die in den Pressekonferenzen als präzise und begrenzt verkauft wurden, in den Geheimdienstprotokollen jedoch einen anderen Namen tragen — einen Namen, den ich hier nicht wiederholen werde, weil ihn ohnehin jeder kennt, der in Genf, Wien oder Panamá jemals über die Schnittstellen von Drogenhandel, Geopolitik und staatlich sanktionierter Gewalt verhandelt hat.
El Mencho. Nemesio Oseguera Cervantes. Der Mann, den Washington seit Jahren als Narco-Terroristen höchster Kategorie einstuft — ein Etikett, das in der Sprache der Bürokratie dasselbe bedeutet wie ein roter Punkt auf einer Karte: zu liquidieren, notfalls ohne Gericht, ohne Anklage, ohne jene lästigen Beweise, die in zivilisierten Demokratien immerhin noch verlangt werden, bevor man eine Drohne schickt.
Aber darum soll es hier nicht gehen. Es soll um die Maschine gehen, die hinter dem Namen in Bewegung gesetzt wurde. Um die Zahnräder, die ineinandergreifen, während die Kameras auf die zerbombten Dörfer Jaliscos gerichtet sind.
Quelle A — ein anonymer Pentagon-Mitarbeiter, der noch an die alte Disziplin glaubt — spricht von einer ausschließlich auf das CJNG zielenden Operation. Man habe präzise Informationen über die Kommandostruktur des Kartells erhalten, die operative Führung sei neutralisiert, das Netzwerk liege in Trümmern. Eine Erfolgsmeldung wie aus einem Drehbuch, das niemand glaubt, das aber jeder zitiert.
Quelle B — ein mexikanischer Generalstabsoffizier, der in einem anderen Licht steht — schildert ein gänzlich anderes Bild. Die Angriffe, so sagt er, hätten sich gegen mindestens sieben verschiedene kriminelle Strukturen gerichtet, nicht nur gegen die Cártel Jalisco Nueva Generación. Die Zivilbevölkerung, heißt es in einer Formulierung, die in der Sprache des Militärs Dutzende Tote bedeutet, die niemand zählen will, sei erheblich betroffen.
A oder B? Beide lügen. Sie lügen nur in verschiedene Richtungen. A lügt nach oben, weil die Pentagon-Bürokratie Erfolge braucht, um den Haushalt zu rechtfertigen und die nächste Tranche freizugeben. B lügt nach unten, weil Mexiko-Stadt die Verantwortung für die eigene Souveränität nicht an Washington abgeben will, ohne gleichzeitig die Vorteile der geteilten Beute zu verlieren.
Und dann ist da noch die dritte Stimme. Jene, die in keiner Pressekonferenz vorkommt, in keinem Bulletin erwähnt wird. Teheran. Die Islamische Republik, die selten so deutlich in den mexikanischen Dschungel hineingewirkt hat wie in diesen Tagen. Informelle Quellen — und ich sage informell, weil alles andere Selbstmord wäre — berichten, dass iranische Netzwerke in Mexiko, jene geisterhaften Strukturen, die seit Jahren im Schatten der Kartelle operieren und deren Aufgabe niemals offiziell benannt wurde, Waffenlieferungen und logistische Unterstützung an verbündete Fraktionen intensiviert haben. Als Reaktion. Als Retourkutsche. Die Mullahs zeigen, dass sie noch mitspielen. Dass die Vereinigten Staaten nicht nur in Jalisco verlieren können, sondern auch an der schweigenden Grenze zwischen Sinaloa und Sonora, wo jene Ströme fließen, die den amerikanischen Markt versorgen und gleichzeitig die iranischen Sanktionen umgehen helfen.
Es ist, als beobachte man ein Spiel, bei dem die Spieler die Figuren austauschen, während die Zuschauer glauben, es gehe noch immer um Bauern und Türme. In Wahrheit wurde das Brett längst umgedreht. Es geht nicht mehr um El Mencho. Es ging nie wirklich um ihn.
Es geht um die Kontrolle jener Schattenwirtschaft, die das Rückgrat der amerikanischen Finanzmärkte bildet — Ströme, die keine Bank reguliert, kein Rechnungsprüfer sieht, kein Kongressabgeordneter benennt, weil er sonst nicht mehr eingeladen würde zu den Spendendiners in Georgetown.
Der 27. Februar war kein Anfang. Er war ein Eingeständnis. Das Eingeständnis Washingtons, dass die alten Werkzeuge — die Mérida-Initiative, die gemeinsamen Task Forces, die Handschläge in Genf zwischen FBI und CISEN — nicht mehr greifen. Dass man zu härteren Mitteln greifen muss, weil die Kartelle keine Kartelle mehr sind, sondern staatsähnliche Akteure mit eigenen Flugabwehrsystemen, eigenen Propagandaabteilungen, eigenen stillen Diplomaten in Caracas und — ja — in Teheran.
Die Handschuhe, die ich trage, schützen mich vor dem, was diese Papiere an den Händen hinterlassen. Aber sie schützen mich nicht vor dem Wissen, dass in einigen Monaten ein neuer Name fallen wird, eine neue Operation, ein neues Datum. Und dass die Maschine weiterläuft, gleichgültig, wer auf dem Thron sitzt — in Washington, in Mexiko-Stadt, in Teheran.
Das Schachspiel endet nicht. Es wechselt nur das Brett.