24 Inder im Golf, drei im Sarg, und Rubio sagt: meine Order
Es riecht nach faulem Öl und kaltem Stahl, irgendwo zwischen Maskat und der Hölle. Vor wenigen Tagen lag die Leiche eines 35-Jährigen auf einem Schiff vor Oman, festgehalten von einer Blockade, die ihm jede Hilfe nahm. Die Crew wickelte den Toten in Tücher, kühlte ihn mit Eisbeuteln. Sie taten, was die Vereinigten Staaten ihnen nicht erlaubten — sie versuchten, den Tod für ein paar Stunden aufzuhalten.
Einen Tag zuvor hatten amerikanische Raketen den Tanker MT Settebello getroffen. Palau-Flagge, vierundzwanzig indische Seeleute an Bord. Drei kamen nicht nach Hause. Das CENTCOM sprach von „wiederholtem Ungehorsam gegen amerikanische Anweisungen". Als ob ein Tanker in einer Kriegszone eine Schuld trüge. Als ob vierundzwanzig Inder für die Sünden der Welt geradestehen müssten.
In derselben Woche trafen US-Raketen zwei weitere Schiffe mit indischer Besatzung. Diesmal überlebten alle. Es war kein Frieden. Es war das Glück der Trefferquote.
Am 12. Juni wurde in Neu-Delhi ein Botschaftsmitarbeiter einbestellt, ein gewisser Jason Meeks. Indien legte „scharfen Protest" ein. Außenminister S. Jaishankar schrieb es auf X: „Solche tödlichen Angriffe auf Handelsschiffe sind nicht gerechtfertigt." Marco Rubio antwortete im Telegrammstil der Kanonen. Keine Entschuldigung. Keine Anteilnahme. Nur ein Satz über „illegale Transporte iranischen Öls", die man nicht dulden werde. Wer nicht gehorcht, wird beschossen. Wer beschossen wird, ist selber schuld. Die freie Schifffahrt, die Amerika so gern auf die Fahnen schreibt, ist an die eigene Erlaubnis geknüpft.
Das ist die Maschine. Da ist die Blockade. Da ist die Order: Dreht ab oder wir schießen. Da ist der Tanker, der nicht dreht, weil sein Öl in einen Hafen muss, weil der Kapitän sonst seinen Vertrag verliert, weil die Versicherung sonst nicht zahlt. Da ist die Rakete, die in Sekunden klärt. Da ist der Protest aus Neu-Delhi, der wie ein frommes Gebet klingt in einem Washington, das seit dem 28. Februar einen Krieg führt, den manche Redaktionen nicht beim Namen nennen wollen. Da ist Rubio, der dem Protest mit der Ruhe eines Bankiers begegnet: kein Bedauern, nur eine Belehrung.
Achtzehntausend, vielleicht zwanzigtausend indische Seeleute sitzen derzeit im Golf fest, gestrandet zwischen Seeblockade und einem Minenfeld, das in der Meerenge liegt. Fünfhundert Schiffe warten vor der Straße von Hormus, einer Wasserstraße, die schmaler ist als manche Avenue und doch den Puls des Planeten bestimmt. Wer hier fährt, fährt für den Rest der Welt. Wer hier stirbt, stirbt anonym.
Diese Woche kündigte Trump an, die Meerenge werde am Freitag wieder geöffnet, der Iran werde seine Mautstellen abbauen, die US-Blockade ende. Das klingt nach Lösung. Die Internationale Seeschifffahrtskammer nennt die Leute auf den Decks „im Kreuzfeuer gefangen". Auf dem Deck der MT Settebello war es eine andere Vokabel. Irgendwo in Indien falten gerade Familien die schwarzen Tücher auseinander.
Vierzigsechs Angriffe auf die internationale Handelsschifffahrt in diesem Konflikt, vierzehn tote Seeleute, meldet die IMO. Das sind die Zahlen, die ins Protokoll wandern. Das sind nicht die Namen. Das sind nicht die Gesichter. Das sind nicht die Eisbeutel. Die IMO will jetzt mit der Evakuierung beginnen. Ihr Generalsekretär sprach von „Sicherheitsgarantien", die Zeit brauchen. Wessen Garantien, fragt man sich da. Die der Männer, die gerade geschossen haben?
Manche fragen, wie Indien reagieren wird. Ich frage mich etwas anderes. Ich frage mich, wann der nächste Tanker ausläuft, der indische Seeleute trägt, und in wie vielen Wochen der nächste im Wasser liegt, und niemand mehr hinschaut. Wer an Deck die Stimmung misst, sagt: „Erklärungen hat es früher auch gegeben. Es geht jetzt um Risiko. Um Vertrauen." Beides, lieber Leser, ist Mangelware. „Offen ist kein Schalter. Offen ist ein Urteil, das Reeder, Versicherer, Kapitäne und Crews gemeinsam fällen müssen."
Ich saß heute Nacht in einer Bar, dritter Stock über einer schmalen Gasse, irgendwo zwischen Hafen und Vergessen. Evelyn sang im Hintergrund, eine Melodie aus einer Zeit, in der die Welt noch glaubte, die Kriege würden kleiner. Unter mir tropfte der Regen von den Markisen. Auf dem Tisch lag ein Telegramm aus dem Golf: drei Tote, ein Vierter in Tüchern, Blockade hält, Verhandlungen „zögerlich". Ich trank meinen Bourbon und dachte an die vierundzwanzig Männer auf der MT Settebello, von denen wir drei nicht beim Namen kennen werden. Vielleicht nicht einmal die.
Ich schreibe das nicht, weil ich glaube, dass es etwas ändert. Ich schreibe es, weil morgen ein Tanker ausläuft, und in drei Wochen wird wieder einer im Wasser liegen, und die Maschine wird weiterlaufen, und niemand wird fragen, warum.
Evelyn singt immer noch. Der Bourbon ist leer. Auf dem Tisch liegt das Telegramm, die Buchstaben verschwimmen. Aber eines bleibt hängen, und das schreibe ich mir hinter die Ohren: Eisbeutel für die Toten. Order für die Lebenden. Und dazwischen nichts als Wasser und ein Himmel, in dem amerikanische Raketen wohnen.