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DER JO-JO-EFFEKT: EINE ERBARMUNGSLOSE ERFINDUNG DER VERZWEIFLUNG

19. Juni 2026 — — — Prof. Kessler

1937. Die Wissenschaft verspricht viel. Ich notiere.

Es gibt Sätze, die bleiben hängen wie Nikotin in alten Gardinen. Einer davon lautet: Wer einmal abnimmt und wieder zunimmt, ruiniert seinen Stoffwechsel für immer. Eine Drohung, formuliert in der Sprache der Moral, serviert auf dem Tablett der Diätindustrie. Ich habe diesen Satz dreißig Jahre lang gehört, in Talkshows, in Wartezimmern, in den Köpfen von Menschen, die längst aufgegeben hatten, bevor sie überhaupt anfingen.

Nun also Entwarnung. Zwei Männer aus Mainz und Düsseldorf, die Diät-Forscher Faidon Magkos und Norbert Stefan, haben die weltweite Datenlage zum ständigen Auf und Ab der Waage durchgepflügt. Klinische Daten von tausenden Patienten. Tierstudien. Das gesamte Archiv dessen, was wir über wiederholte Gewichtsreduktion wissen. Ihr Urteil, nachdem sie alles gewogen, gemessen und gegengeprüft haben: Es gibt keinen Beleg für einen ursächlichen Zusammenhang zwischen dem Jo-Jo-Effekt selbst und einer klinischen oder metabolischen Schädigung bei Menschen mit Adipositas.

Was das wirklich bedeutet.

Drei Jahrzehnte lang wurde Menschen eingeredet, dass jeder gescheiterte Abnehmversuch Spuren hinterlässt. Dass Muskelmasse schwindet. Dass sich zwangsläufig mehr Fett einlagert als zuvor. Dass der Ruheenergieverbrauch, also jene Kalorien, die der Körper im Liegen verbrennt, zusammenbricht und nie zurückkehrt. All das, so die akribische Auswertung, ist Mythos. Die Muskelmasse verschwindet nicht überproportional. Der Ruheenergieverbrauch bleibt langfristig stabil. Er passt sich der neuen Körperzusammensetzung an, ganz natürlich, ohne ärztliche Hilfe, ohne Nahrungsergänzungsmittel, ohne kostenpflichtige App.

Doch halt. Bevor die Erleichterung sich breitmacht, muss gefragt werden, wer dreißig Jahre lang von diesem Mythos profitiert hat. Wer die Angst vor dem Jo-Jo-Effekt am Leben gehalten hat, während die Daten längst eine andere Sprache sprachen. Wer den Menschen einredete, lieber gar nicht erst abzunehmen, weil die vorübergehende Erleichterung den angeblich sicheren Schaden nicht wert sei. Es ist dieselbe Maschinerie, die aus Vorsorge Verzweiflung macht und aus Verzweiflung Geschäft.

Tim Hollstein, Oberarzt und Stoffwechselforscher am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel, gehört zum Expertennetzwerk jener Kreise, die solche Befunde in die Öffentlichkeit tragen. Die Botschaft, die er und seine Kollegen verbreiten, ist unbequem für jene, die von der Angst leben: Ein gescheiterter Abnehmversuch hinterlässt keinen kaputten Stoffwechsel. Punkt.

Und warum nehmen wir dann wieder zu? Hier wird es interessant, weil die Antwort den Menschen entlastet, die sich selbst die Schuld geben. Was wie ein persönliches Versagen aussieht, ist in Wahrheit ein uraltes Überlebensprogramm. Der Körper, evolutionär geprägt in Zeiten, in denen der nächste Winter Hunger brachte, reagiert auf Gewichtsverlust mit einer klugen Gegenwehr. Ein leichterer Körper braucht weniger Energie. Der Grundbedarf sinkt. Die Hormone passen sich an. Der Stoffwechsel wird nicht ruiniert, sondern reguliert. Das ist der Unterschied, den die Ratgeber-Branche seit Jahrzehnten verschweigt, weil sich mit Schuld mehr verkaufen lässt als mit Biologie.

Die Studie sagt noch mehr. Jede noch so vorübergehende Gewichtsabnahme bringt gesundheitliche Vorteile. Entlastete Gelenke. Verbesserte Blutzuckerwerte. Normalisierter Blutdruck. Diese Effekte, so die Forscher, überwiegen die theoretischen Risiken des Jo-Jo-Effekts bei weitem. Theoretische Risiken. Man höre genau hin. Nicht gemessene. Nicht belegte. Theoretische.

Ich notiere seit 1937, was die Wissenschaft verspricht und was sie einlöst. Diesmal, sehr selten, hält sie, was sie verspricht. Die Studie ist da, die Daten sind da, die Schlussfolgerung ist klar. Was fehlt, ist die Übersetzung in jene Sprache, die in Wartezimmern und Familienküchen gesprochen wird. Solange dort weiterhin die Angst vor dem Jo-Jo-Effekt regiert, solange werden Menschen aus Furcht vor dem Scheitern gar nicht erst anfangen. Und das, meine Damen und Herren, ist der eigentliche Schaden.

Wer also hat in all den Jahren dafür gesorgt, dass die Botschaft nicht ankommt, dass die Daten im Archiv verstauben, dass die Mythen weiterhin gedruckt und verkauft werden. Und wer zahlt den Preis für dieses Schweigen.

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