Wenn der Junior den Anzug des Seniors trägt
Es gab eine Zeit, da nannte man es „Motor Europas". Die deutsch-französische Achse, jenes filigrane Gebilde aus Verträgen, Telefonaten und gemeinsamem Schweigen über die unangenehmen Wahrheiten des Jahrhunderts. Heute, in diesen Tagen des Novembers 2025, hört man in Paris ein anderes Wort. Es fällt nicht in den Zeitungen, es fällt in den Fluren des Senats, in den Büros der Rue Saint-Dominique, in den Salons, wo die Generäle nach der Audienz noch einen Kaffee trinken, bevor sie nach Hause gehen. Das Wort heißt: Misstrauen.
Beginnen wir mit dem Offensichtlichen. Acht deutsche Rüstungsunternehmen — man nennt sie nicht beim Namen, aber man weiß, wer gemeint ist — haben, kaum dass das Tischtuch zwischen Berlin und Dassault zerschnitten war, den Zeichenblock gezückt. Ein rein nationales Kampfflugzeug der sechsten Generation. Ohne Frankreich. Ohne Spanien. Ohne die geringste Geste, die man noch als höflich hätte bezeichnen können. In Paris spricht man seitdem von „Dolchstoßlegenden" — und diesmal, so muss man sagen, liegt der Dolch nicht in der Phantasie.
Denn es war keine gemeinsame Erklärung. Es war ein unilateraler Ausstieg. Das Wort „unilateral" fällt in diesen Tagen in Paris häufiger als das Wort „Freundschaft". Die Frage, die sich stellt — und sie wird in den Hinterzimmern des Quai d'Orsay gestellt, nicht in den Talkshows — ist denkbar einfach: Wenn ein Land erklärt, es wolle „Verantwortung in Europa" tragen, diese Verantwortung jedoch nicht mit den europäischen Partnern auf Augenhöhe teilt, was bleibt dann von der Verantwortung außer dem Wort?
Boris Pistorius, der Verteidigungsminister, hat im Oktober die „erste Militärstrategie der Bundesrepublik Deutschland" vorgestellt. Sie trägt, man höre und staune, die Überschrift „Verantwortung für Europa". Eine schöne Überschrift. Ein beruhigendes Wort. Aber wenn man das Dokument aufschlägt und die Seiten umblättert, sucht man Frankreich vergebens. Man sucht Polen vergebens. Die europäischen Partner, so schreibt es sich aus Berliner Sicht, scheinen in der Verantwortung keine Erwähnung wert. Stattdessen steht dort, in der Sprache, die Militärs für unzweideutig halten, ein Satz, der in Paris als Ansage gelesen wird: Die Bundeswehr werde „die stärkste konventionelle Armee Europas". Die Atommacht Frankreich, die ihren nuklearen Schirm seit Jahrzehnten als unveräußerlichen Bestandteil der europäischen Sicherheit versteht, wird in einem Dokument, das die Zukunft der deutschen Verteidigung beschreibt, nicht einmal beim Namen genannt.
Der Generalstabschef der französischen Streitkräfte, Fünfsternegeneral Fabien Mandon, hat es bei einer Anhörung im Senat ausgesprochen. Es sei „zutiefst beunruhigend", dass Frankreich in der neuen Militärstrategie Deutschlands keine Erwähnung finde. Mandon ist kein Mann der Zwischenrufe. Wenn er spricht, weiß man, dass das Papier, auf dem er seine Rede vorbereitet, nicht an einem Nachmittag entstanden ist.
Die Zahlen sprechen eine eigene Sprache, und sie sprechen laut. 2022, im Jahr der russischen Invasion, gaben Deutschland und Frankreich noch fast gleich viel für Verteidigung aus. Bis 2029 soll der deutsche Verteidigungshaushalt auf mindestens 150 Milliarden Euro ansteigen — das Doppelte dessen, was Frankreich aufzuwenden plant. Mandon spricht von einem Risiko, dass Frankreich „in fünf Jahren in einem Bereich, in dem es bislang dominierte, hinter seinem Nachbarn zurückfalle". Das ist die höfliche Version.
Die unhöfliche Version erzählen sich die Offiziere untereinander. Sie handelt von einem Gleichgewicht, das nie schriftlich festgehalten wurde, weil mündliche Abmachungen unter Gentlemen keine Schriftstücke benötigen. Frankreich trug die militärische Last, die Nuklearschirme, die Expeditionstruppen in Mali, im Sahel, in der Levante. Deutschland brachte die wirtschaftliche Stärke ein, die Disziplin der Industrie, die Fähigkeit, Haushalte zu balancieren, die kein Franzose je als anziehend empfunden hat. Es war ein Tauschhandel, der zwei Seiten brauchte. Was geschieht, wenn eine Seite beschließt, auch die Waren der anderen Seite herstellen zu können?
Dann geschieht, was Marine Le Pen und Jordan Bardella seit Jahren prophezeit haben. Und dies ist der eigentliche Skandal — nicht der nationale Kampfjet, nicht das fehlende „Frankreich" im Strategiepapier, sondern die Tatsache, dass die Populisten, die man in Brüssel und Berlin so gerne als Spinner abtut, mit ihren Warnungen plötzlich Recht behalten. Auf Deutschland sei als militärischer Bündnispartner kein Verlass, sagen sie seit Jahren. Die Bundeswehr kaufe bevorzugt in den Vereinigten Staaten, sagen sie. Rheinmetall dulde bestenfalls Juniorpartner, sagen sie. Nun, da Berlin den Bruch mit Dassault vollzogen hat, klingen diese Sätze nicht mehr nach Parolen. Sie klingen nach Vorahnungen.
Emmanuel Macron hatte es versucht, diesen Herbst. Die „Koalition der Willigen", zusammengeschmiedet mit den Briten, gedacht als Rückgrat einer Ukraine-Strategie für den Tag nach dem Waffenstillstand. Friedrich Merz zögerte. Bei den Bodentruppen, versteht sich. Denn Bodentruppen sind das, was keine Strategie der Welt ersetzen kann, und wer sie schickt, schickt etwas, das nicht zurückkommt, wenn es schiefgeht. Die Franzosen, so heißt es, zeigten sich „kritisch" über die deutsche Risikobereitschaft. Ein französischer Militärvertreter bringt es auf den Satz, der in jeder politischen Zeitschrift Frankreichs hätte stehen können: „Wir müssen in der Lage sein, Kriegführung neu zu denken — und zwar ohne Amerika —, doch dazu sind sie absolut nicht bereit." Es ist, wenn man genau hinhört, die Stimme eines Landes, das sich verlassen fühlt, ohne dass jemand das Wort „verlassen" offiziell in den Mund nehmen würde. In den meisten Verteidigungsfragen, so heißt es, seien sich die Franzosen „nach wie vor eher mit den Briten einig". Man darf sich fragen, was „eher mit den Briten einig" für ein Europa bedeutet, das sich seine Sicherheit nicht mehr von Washington diktieren lassen will.
Polen antwortet anders. 48 Prozent der Polen sehen in einer stärkeren Bundeswehr eine Verbesserung der eigenen Sicherheit. Nur 25 Prozent sehen das anders. Die Balten, die Italiener — sie atmen auf, wenn Berlin Panzer bestellt. In Paris sitzt man hinter verschlossenen Türen und rechnet. Man rechnet, was es bedeutet, wenn die stärkste konventionelle Armee Europas deutsch ist und die Fähigkeit, Kampfflugzeuge zu bauen, ebenfalls. Man rechnet, was es bedeutet, wenn das Wort „Verantwortung" von einem Land benutzt wird, das den Namen seiner Partner im selben Atemzug nicht nennt.
Es gab einmal eine Doktrin, die hieß: Nie wieder. Sie war in Deutschland geschrieben worden, in der Sprache der Demut, und sie hatte Europa den Frieden gebracht, den es brauchte. Die Doktrin von 2025 heißt: Wir können. Sie ist in der Sprache der Stärke geschrieben, und sie hat noch nicht entschieden, was sie mit dem Frieden anfangen will.
Die Handschuhe, die ich beim Schreiben trage, sind aus feinem schwarzen Leder. Sie sind nicht dazu da, die Hände zu schützen. Sie sind dazu da, die Spuren nicht zu verwischen.