Hundert Millionen Fass im Finstern
Sie nennen es eine Öffnung. Sie nennen es einen Deal. Sie nennen es Erfolg, und der Ölpreis fällt, und die Börsen steigen "wie eine Rakete", wie der Mann am Genfer See sich auszudrücken beliebte, in Évian-les-Bains, vor den Kameras, mit jenem Lächeln, das ich kenne. Ich habe es gesehen. In Genf, an Verhandlungstischen, bei Männern, die unterschrieben, was sie nicht halten wollten.
Aber beginnen wir mit den Transpondern. Denn sie sind aus.
Schiffe fahren nachts durch die Meerenge von Hormuz, ohne ihre Signale, ohne ihre Identität, entlang der omanischen Küste statt durch die traditionelle Route, im Schutz der Dunkelheit und, wo nötig, im Schutz der amerikanischen Kriegsmarine. Das ist die "Öffnung", die der Präsident der Vereinigten Staaten angekündigt hat. Was er meinte, war: Die Vereinigten Staaten werden die Praktiken der Schattenflotte übernehmen, jener Flotten, die Russland, Iran und Venezuela in den Jahren der Sanktionen perfektioniert haben. Tanker, die ihre Ortung abschalten, um nicht gesehen zu werden. Vom Iran, der auf "rogue vessels" schießt und von den anderen Maut verlangt. Es ist, mit Verlaub, eine elegante Lösung. Man nennt es Befreiung und meint Schmuggel. Man nennt es Strategie und meint das, was sonst Geächtete tun.
Die Meerenge von Hormuz ist also nicht geschlossen. Sie ist auch nicht offen. Sie ist, in der Sprache der Analytiker, ein "dark trade" geworden, ein Geschäft im Finstern, dessen Umfang niemand genau beziffern kann. Der Präsident sagt: hundert Millionen Fass seien in den vergangenen Tagen durchgekommen, etwa zweieinhalb Millionen am Tag. Die Fachleute von Kpler, deren Aufgabe es ist, derlei zu zählen, halten das für möglich. Sie fügen hinzu, was die Zahl in ihr eigentliches Licht rückt: Vor dem Konflikt flossen zwanzig Millionen Fass täglich durch die Meerenge. Hundert Millionen Fass, das sind fünf Tage normalen Verkehrs, gestreckt über mehr als einen Monat. Es ist, wie einer der Analysten bemerkte, "a relative drop in the ocean, literally". Ein Tropfen. Im wahrsten Sinne des Wortes.
Hundert Tage Krieg liegen hinter uns. Hundert Tage, in denen die Meerenge, durch die ein Fünftel des Welterdöls fließt, de facto geschlossen war. Die Welthandelsorganisation spricht von einer 95-prozentigen Reduktion der Rohölexporte aus den Häfen des Arabischen Golfs, von 99 Prozent beim Flüssigerdgas. Die Internationale Energieagentur nennt es "die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarktes". Der Brent-Preis liegt bei 87 Dollar, dem niedrigsten Stand seit vor dem Konflikt, und an dem Tag, als der Präsident in Évian sprach, fiel er unter 80. Die Welt atmet auf. Die Märkte feiern. Das Öl, monatelang "clogged up", wie er sagte, fließt wieder.
Schauen wir hinter den Vorhang.
Der Preis fällt nicht, weil der Markt normal funktioniert. Er fällt, weil die Lager geleert werden. China, das in den Monaten vor dem Konflikt täglich 12,5 Millionen Fass importierte, begnügt sich nun mit etwa sieben Millionen. Aber es hat noch ungefähr 1,3 Milliarden Fass in seinen strategischen Reserven und zapft sie mit einer Million Fass pro Tag an. Die Vereinigten Staaten, Brasilien, Kanada füllen Teile der Lücke. Es sind die Puffer, die den Preis zähmen. Die Puffer werden ausgehen. Bis Juli, sagen die Analysten, könnten die Dinge sich ändern, falls die Meerenge geschlossen bleibt. Die Ruhe an den Märkten ist, mit anderen Worten, die Ruhe eines Patienten, der seine Reserven aufzehrt. Sie ist nicht Heilung. Sie ist Aufschub.
Und dann Genf. Wieder Genf. Immer wieder Genf.
Der Vizepräsident wird anreisen, um ein Memorandum of Understanding zu unterzeichnen, ein "sehr mächtiges Dokument", wie der Präsident sagt, ganz anders als Obamas Joint Comprehensive Plan of Action, ganz anders also auch ganz anders unzuverlässig, möchte man anfügen, wenn man die Genfer Erfahrung nicht abgeschüttelt hat. Die Franzosen und die Briten werden eine Koalition anführen, die bei der Minenräumung und der Patrouille hilft. Das klingt ordentlich. Das klingt nach internationaler Solidarität. Es klingt nach dem, was man hören will.
Was man nicht so deutlich hört, ist ein Nebensatz, den der Präsident in Évian fallen ließ, beiläufig, zwischen den Sätzen über die klugen Anführer und die dritte Garnitur. "The first set is gone, the second set is gone, and we found the third set to be very smart." Die erste Garnitur ist weg, die zweite Garnitur ist weg, und die dritte haben wir als klug befunden. Es ist eine Grammatik der Macht, die sich so lesen lässt: Man entfernt die, die nicht unterschreiben wollen. Man entfernt auch die, die unterschreiben, aber nicht halten. Mit der dritten Generation unterzeichnet man dann, was man will, und nennt es einen Erfolg der Diplomatie. Die Handschuhe, mit denen ich dies schreibe, sind aus feinem Leder. Sie schützen vor dem, was die Hände sonst schmutzig machen könnte. Manche Verhandlungen aber schmutzen nicht die Hände. Sie schmutzen die Geschichte.
Was bleibt? Eine Meerenge, die im Dunkeln passiert wird. Ein Deal, der in Genf unterzeichnet wird, wo Verträge das Papier nicht wert sind, auf dem sie stehen, bis die Kameras gehen. Ein Ölpreis, der fällt, weil Reserven verbraucht werden, die für Krisen gedacht waren. Eine "Öffnung", die in Wahrheit die Übernahme der Methoden ist, die man eben noch verurteilt hat. Und ein Präsident, der lächelt, während er die Verben so wählt, dass man meinen könnte, es sei Frieden.
Es ist nicht Frieden. Es ist die Architektur des Friedens, errichtet über den Ruinen von zwei Vorgängern, die nicht mehr da sind, um zu widersprechen. Genf kennt diese Architektur. Genf hat sie schon oft gesehen. Man betritt den Saal mit Handschuhen. Man legt sie ab, wenn die Kameras ausgehen. Man nimmt sie wieder auf, wenn man hinausgeht.