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Tränengas über Genf, Deals in Évian

19. Juni 2026 — — — M. Silber

Am Vierzehnten Juni zähle ich die Steine, die Tränen, die Sirenen. In Genf riecht es nach verbranntem Lack und Tränengas. Zwanzigtausend sind gekommen, um gegen den G7-Gipfel zu demonstrieren, der morgen in Évian-les-Bains beginnt. Friedlich zuerst. Dann fliegen Pflastersteine, die Demonstranten eigenhändig aus dem Boden brechen. Dann brennt ein Tesla. Dann splittern die Scheiben einer UN-Agentur. Genf am Vierzehnten Juni 2026, eine Stunde vor der heißen Phase der Weltpolitik.

Pippa Saugy sagt, es sei ein Treffen der Reichen, das zeige, wie die Reichen reicher und die Armen zurückgelassen werden. Mattia Piccard sagt, die Polizeipräsenz sei ein Versuch, Demonstranten einzuschüchtern. Clelia Colin sagt, die Werte des G7 seien frauenfeindlich und trügen zur Ungleichheit bei. Sie haben alle recht. Sie reden nur nicht über das, was im Schatten dieses Rauchs verhandelt wird.

Denn am Genfer See, keine fünfzig Kilometer von den Barrikaden entfernt, treffen sich ab dem Fünfzehnten die Staats- und Regierungschefs von Frankreich, Großbritannien, Kanada, Deutschland, Italien, Japan und den Vereinigten Staaten. Plus die Europäische Union. Drei Tage lang. Die Agenda ist kein Geheimnis: die Kriege in der Ukraine und im Nahen Osten. Ein Rahmenfriedensvertrag, den Donald Trump mit dem Iran schließen will. Es geht, mit anderen Worten, um die Neuordnung der Gewalt.

Letzte Woche wurde Elon Musk, Berater des US-Präsidenten, der erste Billionär der Weltgeschichte. Sein Auto brennt jetzt in Genf. Das ist kein Zufall. Die Demonstranten haben es verstanden, auch wenn sie es nicht so formulieren würden. Sie werfen das Symbol jenen vor die Füße, die es besitzen. Sie haben recht.

Aber die zweite Spur ist die interessantere. Das UN-Gebäude, dessen Fenster eingeschlagen wurden, steht für jene multilaterale Ordnung, die der G7 in den letzten Jahren systematisch ausgehöhlt hat. Wer in Genf eine UN-Agentur angreift, demoliert ausgerechnet die Fassade dessen, was den Sieben überhaupt noch eine Bühne gibt. Die Uno ist nützlich als Kulisse. Sie ist lästig als Kontrolle. Also lässt man sie stehen, lässt ihre Scheiben zerschlagen, schreibt einen Absatz in eine Erklärung — und redet weiter an ihr vorbei.

Die Bilder werden bleiben. Sie werden sortiert in der Reihenfolge, die den Mächtigen gefällt: zuerst die fliegenden Steine, dann der brennende Wagen, dann die zerbrochenen Scheiben. Dann das Tränengas, das über sonnengebackene Straßen zieht, während Kinder weinen. Hundertschaften in voller Montur. Geschäfte mit Brettern vernagelt. Aufgerissenes Kopfsteinpflaster wie eine Wunde im Asphalt.

In Évian wird man Krawatten binden. Man wird Hände schütteln. Man wird Erklärungen verlesen, die niemand zu Ende liest. Man wird über Waffenlieferungen reden, über Sanktionen, über Öl, über Grenzen. Über jene Grenzen, die in diesem Jahr dichter geworden sind als je zuvor. Man wird in den Abendstunden an kleineren Tischen sitzen, in memoranda-grauen Räumen, in denen die wirklich entscheidenden Sätze fallen — die niemand zitiert, die niemand unterzeichnet, die in keinem Kommuniqué auftauchen.

Was man nicht sehen wird: die Tatsache, dass der Mann, dessen Konzern letzte Woche die Marke von einer Billion Dollar überschritt, Berater jenes Präsidenten ist, der mit einem Regime verhandelt, das seinen Nachbarn mit Vernichtung droht. Das ist die Kette. Sie reicht vom brennenden Tesla am Quai du Mont-Blanc bis zu den Atomgesprächen im Évianer Kongressaal.

Pippa Saugy hat die Tür angelehnt. Hinter der Tür liegen: ein Krieg, der geführt wird, während die Sieben tagen. Eine Billion, die in einer Woche verdient wurde. Ein UN-Gebäude, das seine eigene Ohnmacht eingesteht, indem man ihm für die Kameras die Scheiben einschlägt.

Ich stehe am Rand der Demonstration in Genf. Meine Hände zittern nicht. Ich zähle. Die Steine, die Tränen, die Sirenen. Die Särge, die in den Hauptstädten, über die in Évian verhandelt wird, noch gar nicht gezimmert sind. Die Flugblätter, die in den Auffanglagern dieser Welt, von denen niemand in Évian reden wird, längst gedruckt sind.

Der kleine Koffer unter meinem Schreibtisch bleibt gepackt. Nicht für mich. Für jene, die in drei Tagen an einer dieser Grenzen stehen werden, die in Évian mitverhandelt werden, ohne dass je eine_r der Sieben sie gefragt hat.

In Évian werden sie lächeln. In Genf riecht man noch das Feuer. Und über dem See hängt der Rauch von Steinen, die man aus dem Boden gebrochen hat, um sie gegen jene zu werfen, die den Asphalt unter ihren Sohlen längst nicht mehr spüren.

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