LIEBESFUNK DIGITAL — WER ZIEHT AN DEN FÄDEN
Die Drähte summen. Diesmal tragen sie etwas Seltsames: zwei Philosophieprofessoren vom Kap, Anné H. Verhoef und Edmund Terem Ugar von der North-West-Universität, senden einen Warnfunk in die Welt. Ihre Studie, erschienen im Gesprächsblatt The Conversation, trägt den Titel einer ganzen Schlacht: Kann Technologie menschliche Beziehungen ersetzen?
Ich höre genauer hin.
Verhoef und Ugar argumentieren mit dem Franzosen Paul Ricoeur. Der Mann wusste, was Glück heißt, und er wusste, was es nicht ist. Glück, sagt Ricoeur, hängt an drei Dingen: am Wunsch nach einem erfüllten Leben, an den sozialen Systemen, die uns formen und einschränken, und an echten zwischenmenschlichen Verbindungen. Maschinen, so die Professoren, können die ersten beiden simulieren, beim dritten versagen sie.
Simulieren. Das ist das Wort. Simulieren, nicht sein.
Die Maschinen, um die es geht, heißen KI-Begleiter, Chatbots, soziale Roboter. Sie geben Freundschaft, Rat, emotionalen Beistand. Sogar Romantik. Sie stehen in den Schaufenstern der Tech-Industrie ausgestellt wie Radios in den Zwanzigern — jeder soll eines haben, jede Wohnung soll eines brauchen.
Yves Smith, die anonyme Stimme hinter Naked Capitalism, schickt einen Störsender hinterher. Sie zitiert den Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi, den Mann, der das Buch "Flow" schrieb. Echtes Glück, sagt der, kommt nicht von Beziehungen allein, sondern von der Konzentration auf eine Sache, die fordert, ohne zu überfordern. Der Geist kann das lernen, nicht nur empfangen. Buddhistische Mönche, schreibt Smith, üben das seit Jahrtausenden. Durch Meditation. Durch Mitgefühl. Durch die Kunst, Gefühle als vergänglich zu sehen und sich nicht an sie zu klammern.
Die Professoren, sagt Smith, bauen ihr Haus auf sandigem Boden. Sie setzen Glück mit Beziehung gleich, dann warnen sie, dass die Maschine die Beziehung übernimmt. Der Kreis schließt sich zu schnell. Zu sauber. Zu marktfreundlich.
Denn hört genauer hin, wer im Hintergrund sendet. Die North-West-Universität ist kein Kloster. The Conversation ist keine Einsiedelei, sondern ein gut alimentiertes Sprachrohr, das von Stiftungen und tech-nahen Kreisen gespeist wird. Wenn heute Philosophen vor der KI-Einsamkeit warnen, ist das oft die Beruhigungspille vor dem nächsten Marktschub. Erst die Diagnose. Dann das Produkt.
Das Produkt, verehrte Leser, ist die bezahlte Zuneigung. Ein Abo-Modell. Ein Klick. Eine Stimme aus dem Lautsprecher, die um zwei Uhr nachts sagt, was ein Mensch sagen sollte. Wer baut diese Maschinen? Wer profitiert, wenn Millionen einsame Seelen ihre intimsten Gefühle an einen Algorithmus schicken? Wer zahlt den Preis, wenn die echte Nachbarin, der echte Freund, der echte Liebhaber zur Nebensache wird?
Ricoeur hätte die Frage verstanden. Er schrieb über die Geschichten, die wir uns erzählen, um ein Selbst zu sein. Maschinen, die unsere Geschichten miterzählen, mitschreiben, mitspielen — sie schreiben das Drehbuch um. Nicht weil sie böse sind. Sondern weil sie Werkzeuge sind. Und Werkzeuge haben immer einen Griff. Und der Griff hat immer eine Hand.
Smith hat recht. Das Glück ist nicht die Beziehung. Es ist die Fähigkeit, sich zu konzentrieren, sich zu lösen, sich zu finden. Eine Maschine kann das nicht lehren. Sie kann es nur vortäuschen.
Die echte Frage ist nicht, ob die KI uns lieben kann. Die Frage ist, wem es nützt, wenn wir aufhören, einander zu lieben.
Die Drähte summen weiter. Ich übersetze weiter.