KEIN VERTRAG MEHR — Die junge Insel verliert den Draht zur Zukunft
London. Nebel über der Themse. Die Drähte summen, und was sie tragen, ist kein Hoffnungssignal.
Eine neue Frequenz ist im Äther. Das Institute for Public Policy Research — kurz IPPR — hat eine Meldung durchgegeben, die klingt wie Morse aus der Tiefe: Junge Menschen in England verlieren den Glauben an ihre Zukunft. Nicht ein bisschen. Systematisch.
Wer die Sprache der Zahlen spricht, hört es deutlich. Zwischen 2015 und 2017 gaben nur zwei Prozent der 16- bis 21-Jährigen an, ihre Chancen auf Erfolg lägen bei zwanzig Prozent oder weniger. Bis 2023 bis 2025 hat sich dieser Anteil verdreifacht — auf sechs Prozent. Der Anteil jener, die eine achtzigprozentige oder höhere Wahrscheinlichkeit sehen, ihr Leben lang arbeitslos zu bleiben, stieg im selben Zeitraum auf sieben Prozent. Auch das eine Verdreifachung. Das ist kein Rauschen. Das ist ein Trend.
IPPR-Analystin Ellie Harris formuliert die Übersetzung ungeschminkt: „Young people are telling us clearly that the deal no longer adds up." Das Geschäft rechnet sich nicht mehr. Nur noch ein Viertel der 16- bis 29-Jährigen glaubt, dass Talent und harte Arbeit zu einem fairen Aufstieg führen. Bei den 50- bis 69-Jährigen sind es fünfunddreißig Prozent, bei den über Siebzigern mehr als vierzig. Je älter die Antenne, desto stärker der Empfang der alten Verheißung. Bei den Jungen ist sie verstummt. Die IPPR sagt es selbst: Das Vertrauen fällt — in ganz England, über alle sozialen Gruppen, über alle Geschlechter hinweg.
Hinter dem Schwund steht ein Mechanismus, der mit bloßem Auge selten zu sehen ist. Die Zahl der sogenannten Neets — junger Menschen zwischen 16 und 24, die weder in Ausbildung, noch in Arbeit, noch in Schulung sind — hat im März 2026 erstmals seit einem Jahrzehnt die Marke von einer Million überschritten. Neunundachtzigtausend mehr als im Vorjahr. Die Quote stieg von zwölfeinhalb auf dreizehneinhalb Prozent. Die Jugendarbeitslosigkeit insgesamt liegt bei sechzehn Komma zwei Prozent — vor einem Jahr waren es noch vierzehn Komma zwei. Eine der höchsten Quoten in Europa.
Der ehemalige Labour-Minister Alan Milburn sitzt derweil an einer Regierungsauswertung und hat in einem Zwischenbericht bereits Alarm geschlagen. Er warnt vor einer „lost generation" — einer verlorenen Generation. Passiert nichts, prognostiziert er, werden bis 2030 rund 1,25 Millionen junge Menschen als Neets gezählt, ein Anstieg um fünfundzwanzig Prozent. Milburn fordert einen „system reset", und er lässt durchblicken, dass Änderungen bei den Sozialleistungen Teil der Lösung sein müssten. Seine endgültigen Empfehlungen erscheinen im Herbst. Man darf skeptisch sein, ob Westminster die richtige Frequenz findet.
Denn die Sender sind bekannt. Wer profitiert? Eine Architektur, die Arbeitslose verwaltet statt eingliedert. Für je fünfundzwanzig Pfund, die in Stützung fließen, geht laut Milburn nur ein Pfund in Programme, die tatsächlich in Arbeit bringen. Ein Verhältnis von fünfundzwanzig zu eins. Wer dieses Signal liest, versteht, warum die Brücken zwischen Stempel und Lohn so selten gebaut werden.
Hinzu kommen die Schwellen im Sozialsystem — die cliff edges. Wer als junger Mensch mit Behinderung eine Stelle annimmt, läuft Gefahr, am Ende schlechter dazustehen. Eine Falle, die das System selbst gestellt hat. Kein Wunder, dass die Verweigerung sich in den Köpfen festsetzt.
Die üblichen Schuldzuweisungen greifen ins Leere. Wer behauptet, die Jungen würden das Sozialsystem ausnutzen, hat das Signal nicht gelesen. Sechsundvierzig Prozent der Neets beziehen gar keine staatlichen Leistungen. Weitere zwanzig Prozent sind so krank, dass sie ohnehin keine Arbeitssuche nachweisen müssen. Fast jeder Neunte unter den 18- bis 24-Jährigen fällt inzwischen in die Kategorie der Inaktivitätsbezüge, die keine Jobsuche verlangen. Das ist nicht das Porträt einer trägen Generation. Das ist das Porträt einer beschädigten.
Die IPPR nennt die Ursachen beim Namen. Mitte der 2010er-Jahre hätten sich mehrere Belastungen überlagert: die Folgen der Austerität, die Schließungen während der Covid-Lockdowns, die psychischen Narben, die diese Zeit geschlagen hat. Die Folgen sind eine Generation, die gelernt hat, dass das Versprechen von hart-arbeiten-und-aufsteigen ein hohles Signal ist.
Es gibt sie noch, die alten Empfänger, die an dem Klang festhalten. Aber wer heute jung ist, wer in diesem England lebt, in dieser Wirtschaft, in diesem Sozialstaat — der hört vor allem Stille. Und es ist die Stille einer Maschine, die einst „Du schaffst es" gesendet hat und heute nur noch Rauschen liefert.
Ada Voss, Terminal Tribune