Dreißig Jahre, eine Proklamation
Srinagar, 12. Juni 2026. Dreißig Jahre. So lange liegt der Fall in den Akten, bevor die Maschinerie der Counter Intelligence Kashmir, kurz CIK, am Freitag die Proklamationsverfügung an den Türen von vier Männern festklebt. Vier Namen, vier Aliasse, dreißig Jahre Schweigen — und jetzt, im Juni 2026, plötzlich ein Zettel an der Wand, fotografiert, gefilmt, protokolliert.
Syed Salahuddin, Chef des United Jihad Council. Ghulam Nabi Khan, Kommandeur der Hizbul Mujahideen, genannt Amir Khan. Sher Mohammad aus Bandipora, auch Bahadur oder Riaz. Nasir Yousuf Qadri aus Srinagar. Vier Angeklagte, ein Fall von 1996, eine Spezialkammer, designiert unter dem NIA Act, zuständig für TADA- und POTA-Verfahren in Srinagar.
Die Mechanik ist alt und präzise. Section 84 der Bharatiya Nagarik Suraksha Sanhita — der BNSS, dem neuen indischen Strafprozesskodex — erlaubt dem Gericht, einen flüchtigen Angeklagten öffentlich vorzuladen. Erscheint er nicht zum Termin — hier der 14. Juli 2026, zehn Uhr morgens vor dem Additional Sessions Judge in Srinagar —, folgen weitere Schritte. Die Proklamation ersetzt den Haftbefehl nicht, sie ist ein Ritual. Sie sagt: Wir haben euch gesucht. Wir haben euch nicht gefunden. Wir haben es versucht. Und das Protokoll beweist es.
Hier beginnt der Schatten, den die offizielle Mitteilung sorgfältig ausspart.
Dreißig Jahre. In dieser Zeitspanne hätte die Counter Intelligence Kashmir jeden der vier finden können — oder auch nicht. Dreißig Jahre, in denen TADA kam, POTA folgte, beide Gesetze Gerichte passierten, in denen sie in Frage gestellt, verteidigt, gewendet wurden. Dreißig Jahre, in denen ein Verfahren von 1996 in einer Schublade lag, gefüttert mit Vermerken, wahrscheinlich Fotografien, möglicherweise Reisebewegungen. Was hat sich geändert? Warum jetzt, im Juni 2026? Welcher Schalter wurde umgelegt?
Die Polizeimitteilung schweigt. Sie sagt nur, die Beschuldigten hätten sich der Festnahme entzogen und rechtliche Verfahren absichtlich vermieden. Das ist die Standardfloskel. Sie ist so dünn wie das Papier, das heute an ihren Haustüren klebt — und so nichtssagend wie eine Sendeanlage, die nur Rauschen produziert.
Die CIK, Sonderflügel der Polizei, ist nicht die gewöhnliche Polizeistation. Sie ist die Spionageabwehr im Tal, jene Einheit, die Fälle bearbeitet, in denen der Staat sich selbst als Kläger und Richter zugleich begreift. Wer dort in eine Akte kommt, bleibt dort. Wer dort als Beschuldigter geführt wird, bleibt es über Jahrzehnte — auch wenn monatelang, jahrelang, jahrzehntelang nichts geschieht. Die Akte ist die eigentliche Waffe. Nicht der Haftbefehl. Nicht der Prozess. Die Akte.
Und dann das Spektakel. Die CIK-Teams fahren aus, hängen die Verfügungen aus, an den Wohnsitzen, an den Haupttoren. Sie fotografieren, sie filmen. Man will den Beweis, dass man es versucht hat. Man will das Beweisstück, das am 14. Juli, wenn niemand erscheint, vor Gericht verlesen werden kann. Section 84 ist keine Verhaftung. Sie ist die Inszenierung des Versuchs. Sie ist die Übersetzung von politischer Geduld in juristisches Protokoll.
Salahuddin ist seit langem eine bekannte Größe. Der United Jihad Council, den er führt, gilt als Dachverband bewaffneter Gruppen, in der indischen Berichterstattung als Stimme der Aufständischen behandelt. Dass sein Name auf einer Proklamationsverfügung von 2026 steht, verweist auf etwas anderes als ein aktualisiertes Ermittlungsverfahren. Es verweist auf das Aufrechterhalten einer Signatur. Eine Akte, die nicht geschlossen werden darf, weil ihr Inhalt die Erzählung des Konflikts mitträgt.
Die anderen drei Namen sind weniger sichtbar. Ghulam Nabi Khan, Hizbul-Kommandeur. Sher Mohammad mit drei Aliasnamen aus Bandipora. Nasir Yousuf Qadri aus Srinagar. Vier Beschuldigte, deren Spuren sich — so die offizielle Lesart — seit Jahrzehnten der Justiz entzogen haben. Ob sie leben, ob sie in Kaschmir sind, ob sie in Pakistan, ob sie in Afghanistan sitzen, ob sie längst unter anderen Namen weiterleben — all das sagt die Mitteilung nicht. Sie sagt nur, sie seien flüchtig. Sie sagt nur, sie sollen am 14. Juli erscheinen. Sie sagt nur, dass ihre Häuser als Aushangfläche dienen.
Wer kontrolliert das? Die Spezialkammer, designiert unter dem NIA Act, dem Gesetz, das die Befugnisse der Bundesermittlung erweiterte. Die Polizei, vertreten durch ihren Sonderflügel. Die Staatsanwaltschaft, die nicht genannt wird, deren Linie sich aber in der Wortwahl abzeichnet. Wer profitiert? Die Akte, die offen bleibt. Wer zahlt den Preis? Die vier Namen auf dem Zettel, ihre Familien, ihre Nachbarn — und das Tal, das wieder einmal lernt, dass Verfahren in Kaschmir keine Zeit kennen, aber sehr wohl ein Datum, an dem sie öffentlich werden.
Ich notiere: Proklamation unter Section 84 BNSS, Fall 1996, Polizeistation CIK. Vier Beschuldigte. 14. Juli 2026, zehn Uhr, Srinagar. Fotografiert. Videografiert. Ausgehängt. Dreißig Jahre, bis der Staat sich erinnert, dass er noch sucht.
Dreißig Jahre. Die Drähte summen immer noch.