← Zurück zur Titelseite Konflikte

Kein Wasser, viel Schweigen: Donbass nach dem Schlag

19. Juni 2026 — — Morrison, over and out.

Der Rauch von vorhin hängt noch im Lampenlicht. Evelyn unten hat aufgehört zu singen, was selten vorkommt und meistens bedeutet, dass die Flasche leer ist oder das Publikum. Mein Bleistift ist stumpf. Die Nachricht ist es nicht.

Interfax, die Moskauer Drahtzieherin, hat es heute früh über die Ticker gejagt: Ein ukrainischer Schlag hat die Wasserversorgung in der russisch gehaltenen Region Donezk gestört. Ein Satz. Sieben Wörter. Darin eingewickelt der gesamte Krieg.

Man muss kurz stehen bleiben bei dem, was hier eigentlich steht. Eine russische Staatsagentur — man darf das Wort ruhig benutzen, auch wenn die Herren in Moskau es nicht mögen — bestätigt einen ukrainischen Treffer auf Infrastruktur in einem Territorium, das Russland als das seine führt. Lesen Sie das einmal. Lesen Sie es zweimal. Dann fragen Sie sich, warum ausgerechnet die Presse der einen Seite den Erfolg der anderen Seite einräumt.

Weil die Grammatik der Geschichte es verlangt. Weil Schweigen teurer wäre als der Satz. Weil die Welt inzwischen genug Satelliten besitzt, dass das Leck auf jedem Bildschirm leuchtet, und das kleinere Übel ist, die Wunde als fremde Wunde zu verpacken.

Das ist der erste Schatten, den diese Meldung wirft: Sie verrät die Logik der Bühne, nicht der Front. Interfax meldet den Schlag nicht, weil die Wahrheit sie interessiert. Interfax meldet den Schlag, damit sie die Deutung behält. Kiew schlägt zu, Moskau schreibt es auf, und in der Lücke dazwischen wohnt die Propaganda.

Dann ist da das Wasser.

Nichts an einem modernen Krieg ist unsichtbarer als das, was durch Rohre fließt. Bomben sind Fotogen. Raketen haben einen Schweif. Aber eine Pumpe, die stillsteht, ein Filter, der nicht mehr arbeitet, eine Hauptleitung, die irgendwo zwischen den Ortschaften ein Leck hat — das ist die Art von Angriff, die kein Kameramann einfängt und keine Pressekonferenz erklärt. Es ist die langsame Wunde. Es ist die römische Belagerung im Beton der Neuzeit. Wer den Hahn zudreht, muss nicht schießen. Er muss nur warten.

Und genau deshalb ist es die wichtigste Frage, die diese Agenturmeldung nicht stellt: Welche Station? Welche Hauptleitung? Welcher Bezirk? Welche Kinder trinken seit heute Morgen was? Denn Wasser hat in einem besetzten Gebiet keinen unschuldigen Besitzer. Wasser hat eine Unterschrift. Es hat einen Vertrag, eine Verwaltung, einen Namen auf dem Lohnzettel. Wenn die Leitung bricht, bricht nicht nur Druck — es bricht ein Geflecht aus Zuständigkeiten, das den Bewohnern nie erklärt wurde und ihnen gleichwohl jeden Tag aufs Neue auferlegt wird.

Man darf, mit Verlaub, fragen, wer von der Störung profitiert. Das ist kein Zynismus, das ist Journalismus. Wenn eine Großstadt ohne Wasser dasteht, dann kommt der Tankwagen. Wer schickt den Tankwagen? Wer verteilt? Wer fotografiert die Verteilung, und für welche Abendnachricht? Es gibt keinen Tropfen in dieser Region, der nicht politisch wäre, und das gilt seit Jahren, nur sagt es niemand laut genug.

Die Zivilbevölkerung — und das ist der zweite Schatten, der dunklere — trinkt, was ihr gereicht wird. Sie steht Schlange. Sie füllt Kanister. Sie wägt ab, ob der Wasserhahn in der Küche noch ein Geräusch macht oder ob die Stille das neue Geräusch ist. Sie liest die Agenturmeldung auf dem Telefon, das noch funktioniert, und sieht sieben Wörter, die ihr Leben wiegen, und versteht, dass diese sieben Wörter ihr nicht gehören.

Die Zivilbevölkerung ist der einzige ehrliche Akteur in diesem Stück. Sie hat keine Drahtagentur, keinen Sender, keine Flagge auf der Brust. Sie hat Durst.

So sitzt man also hier, im Licht der Laterne, mit stumpfem Bleistift und klarem Kopf, und schreibt eine Meldung, die in Moskau entworfen, in Kiew geflogen und in Donezk gespürt wurde. Drei Städte, eine Leitung, sieben Wörter. Die Wahrheit liegt irgendwo unter der Erde, wo schon immer die Wahrheit lag, wenn oben zu viel Lärm ist.

Evelyn fängt wieder an. Diesmal klingt es nach Regen, der nicht fällt.

Bald ist Mitternacht. Die Leitung in Donezk ist noch immer nicht ganz repariert, sagt Interfax. Die Reparatur, sagt Interfax, läuft. In meinem Glas ist nichts mehr. In der Schublade liegt Bourbon, daneben eine Schreibmaschine, die älter ist als dieser Konflikt und ihn vermutlich überdauern wird.

Wer schweigt, wenn das Wasser fließt, hat das Sagen, wenn es stockt.

✦ Ende des Artikels ✦
← Zurück zur Titelseite