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Querschläger, Livestreams, leere Hallen

19. Juni 2026 — — Morrison, over and out.

Evelyn singt unten im Café. Sie singt immer dieselben drei Lieder, und immer klingt es, als würde das Glas zerspringen, bevor es den Boden erreicht. Wir hören es hier oben kaum. Wir schreiben. Die Schreibmaschine klappert, der Bourbon steht halb voll, und auf dem Telegrafenstreifen kommt die nächste Hiobsbotschaft durch. Sie kommt aus der Bronx.

Matthew Bonilla, sechsundzwanzig Jahre alt, schießt am helllichten Mittwochnachmittag um sich. Ein Uhr zwanzig, Hitze über den Bürgersteigen, alte Leute auf den Bänken. Eine Neunundsiebzigjährige fängt eine Kugel ins linke Bein. Ein Sechsundzwanzigjähriger, vermutlich das eigentliche Ziel, ebenfalls. Beide landen im St. Barnabas Hospital. Stabil, sagt man. Stabil ist das Wort, das Ärzte benutzen, wenn sie den Angehörigen die Wahrheit noch nicht zumuten wollen.

Bonilla wohnt einen Block vom Tatort entfernt. Die Polizei schreibt das, als wäre Nachbarschaft ein mildernder Umstand. Letzte Verhaftung: August 2023, gestohlenes Kennzeichen an seinem Wagen, aufgedeckt bei einer Verkehrskontrolle. Ein Splitter im Vorstrafenregister. Man darf sich fragen, wie viele solcher Splitter in den Akten liegen, bevor einer das Pulverfass zündet. Die Anklage lautet auf versuchten Mord, Körperverletzung und Waffenbesitz. Die Vorführung steht aus. Ein weiterer Schütze wird gesucht. Vielleicht.

Eine alte Frau wird am hellen Tag durchschossen, weil zwei Männer, die wir nicht kennen, eine Rechnung offen hatten, die uns nichts anging. Das ist die Republik der Querschläger. Kein Empfänger, keine Schuldzuweisung, keine Adresse. Die Kugel nimmt sich, wen sie will. Und die Stadt verbucht es unter stabil.

Tausend Meilen weiter, in Clarksville, Tennessee, leuchtet es heller. Weil es für die Kamera gemacht ist.

Dalton Eatherly nennt sich Chud the Builder. Ein Name wie eine Baufirma, die nur Schutt produziert. Eatherly streamt. Eatherly schreit. Eatherly bewaffnet sich mit Pistole und Pfefferspray, hetzt Minderheiten durch die Straßen, kassiert Spenden von Tausenden, die ihm zujubeln, wenn er das N-Wort in die Welt spuckt. Er schreibt am siebten Mai auf X, mittlerweile gelöscht: Series finale is dead chimp on the pavement and you monkeys rioting when I walk free. Das ist kein Witz. Das ist ein Drehbuch. Er hat es selbst verfasst.

Am einundzwanzigsten Mai, vor dem Montgomery County Courthouse, löst er die Szene aus, die er monatelang geprobt hat. Ein Schwarzer Mann wird angeschossen. Eatherly selbst landet auf einer Bahre. Beide überleben, das Drehbuch weicht vom Drehbuch ab. Die Anklage liest sich wie eine Inventarliste: versuchter Mord, schwere Körperverletzung, rücksichtslose Gefährdung mit tödlicher Waffe, Schusswaffeneinsatz bei einem Schwerverbrechen. Bis zu sechzig Jahre Haft.

Aber der Schatten liegt vor der Anklage. Eatherly war auf Kaution draußen, nachdem er in Nashville ein Restaurant mit einer Rechnung von fast vierhundert Dollar verlassen hatte, Diebstahl, Widerstand, Ordnungswidrigkeit. Die harmlosen Stempel im Vorstrafenregister eines Mannes, der gleichzeitig Livestreams produziert, in denen er ankündigt, Menschen die Gehirne rauszublasen. Die Justiz hat das gesehen. Die Justiz hat ihn laufen lassen. Die Justiz hat die Bühne freigegeben, auf der er sein Publikum traf.

Und das Publikum steht Schlange. Bei den Anhörungen füllen sich die Säle mit Sympathisanten, die aus dem Internet anreisen wie zu einer Wallfahrt. Jake Lang, von Trump begnadigter Kapitol-Stürmer vom sechsten Januar, wird von Saalordnern entfernt, weil er offenbar vergessen hat, dass bei Gericht Verfahren stattfinden, keine Revuen. Hass, der Spenden generiert, generiert Aufmerksamkeit, generiert Zulauf, generiert Gewalt. Das ist die Lieferkette. Vom Algorithmus über die Spendenplattform bis in die Gerichtssäle von Tennessee, in denen nun die Geier sitzen und Kameras mitlaufen.

Die Römer hatten ihre Gladiatoren. Wir haben unsere Livestreams. Die Arena ist dieselbe, das Blut ist frischer.

Zwei Fälle. Ein Querschläger in der Bronx, der nicht einmal den Anstand hatte, sein Ziel zu treffen. Ein Streamer in Tennessee, der sein Ziel so offen benannte, dass die Behörden es hätten lesen können, bevor er abdrückte. Beide tragen dasselbe Skelett unter der Haut. Waffen, die leichter zu haben sind als ein anständiger Kaffee. Justiz, die das Drehbuch liest, aber den Vorhang nicht zuzieht. Politik, die den Applaus für die eine Seite einstreicht und die andere als Kollateralschaden verbucht.

Die Neunundsiebzigjährige aus der Bronx wird ihren linken Fuß vielleicht nie wieder so heben wie früher. Der Mann aus Tennessee wird nie wieder über die Schwelle eines Gerichts gehen, ohne zusammenzuzucken. Beide sind stabil. Beide sind Rechnungen, die das System gerade noch bezahlen kann.

Morgen gibt es einen neuen Matthew. Morgen gibt es einen neuen Chud. Das Skelett bleibt.

Evelyn singt noch immer unten im Café. Wir trinken weiter. Die Maschine klappert, der Streifen rollt, die Stadt schläft nicht, sie tut nur so. Und irgendwo, in irgendeiner dieser billigen Mietskasernen, lädt gerade jemand ein Magazin nach, ohne dass es jemanden kümmert.

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