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Kane schießt, Deutschland zweifelt: Die Kritik der alten Meister

20. Juni 2026 — — — Ada Voss, auf Sendung

Zwei Tore, bester Mann des Spiels, englischer WM-Rekordtorschütze – und am Ende stehen trotzdem zwei deutsche Namen ganz vorn in der Kritik. So sieht die Rechnung auf, wenn Dietmar Hamann und Kevin-Prince Boateng ihre Aufzeichnungen über den Auftritt von Harry Kane ausrollen. Beim 4:2 der Three Lions gegen Kroatien traf der Kapitän doppelt, verschoss zunächst einen Elfmeter, nutzte die Wiederholung kalt, und lieferte die bestmögliche Antwort. Die Kritiker lieferten das Störfeuer.

Schauen wir auf die Frequenzen, die andere nicht hören wollen.

Da ist zunächst Dietmar Hamann. Der Mann trägt das Wappen des FC Bayern auf der Brust, lief einst für Deutschland auf, und sitzt heute als Experte beim irischen Sender RTE vor der Kamera. Seine Argumentation liest sich auf den ersten Blick wie ein nüchterner Blick auf Statistik: Von zehn Turniertoren habe Kane sieben oder acht in der Vorrunde erzielt. Das ist eine Zahl. Eine Wahrheit ist es nicht.

Denn Hamann verschiebt die Messlatte, ohne sie zu benennen. Er fordert Tore gegen Frankreich, gegen Brasilien, in der K.o.-Phase. Er sagt: „Es gibt einige Stürmer in diesem Turnier, die ich lieber als ihn in meinem Team hätte." Wer das sein soll, sagt er nicht. Das ist die älteste Technik im Handbuch des Skeptikers – die Lücke füllt das Publikum von selbst.

Sein zweites Argument verrät mehr, als es will: Kane sei zu langsam für Kontertore. „50, 60 Yards bis zum gegnerischen Tor" – das ist die Sprache des alten Kontinentalspiels, der direkte Weg, die vertikale Linie. Kane, der in der Maschine des Thomas Tuchel als Wandspieler und Abschlussspieler gleichermaßen dient, wird hier an einem Ideal gemessen, das im modernen Fußball nur noch eines unter vielen ist. Die Rekordsaison – 61 Tore, 7 Vorlagen in 51 Einsätzen, das Double mit den Bayern – wischt Hamann mit einer Handbewegung beiseite. Das ist keine Analyse. Das ist eine Markierung.

Kevin-Prince Boateng sitzt derweil beim US-Sender CBS und fordert ein Verbot von Kanes Elfmeter-Technik. „Das sollte verboten werden", sagt er. Der erste Versuch ging daneben, weil Kroatiens Torhüter Dominik Livakovic zu früh von der Linie kam. Kane durfte wiederholen. Beim zweiten Mal saß es. Kühler kann man eine Situation nicht lösen.

Boatengs Vorwurf: Kane verzögere bewusst den Anlauf, provoziere den Torwart. Das ist korrekt beobachtet. Was er verschweigt: Die Regeln erlauben es ausdrücklich. Nur ein abruptes Abstoppen ist untersagt, das bewusste Verlangsamen dagegen erlaubt. Kane hat die Lücke im Regelwerk nicht erfunden, er nutzt sie. Er studiert den Torwart, analysiert die Aufzeichnungen, passt seine Ausführung an. „Genau aus diesem Grund recherchiere ich so gründlich", sagt Kane selbst. In dieser einen Aussage liegt das ganze Thema. Recherche statt Routine, Daten statt Instinkt, Anpassung statt Wiederholung. Boateng, der in seiner Karriere selbst den einen oder anderen Trick kannte, erkennt hier offenbar eine Vorgehensweise, die ihm fremd ist – und nennt sie deshalb unerlaubt.

Die Mechanismen hinter der Kritik sind nicht schwer zu lesen. Da ist zum einen das Geschäft der Sender. RTE braucht einen deutschen Experten, der dem englischen Kapitän die Leviten liest – Quote ist Quote, Kontroverse ist Kontroverse. CBS braucht Boateng als Stimme zwischen den Lagern, quotenwirksam, herkunftsvergessen. Focus und Daily Mail tragen die Debatte weiter, jeder nach seinem Publikum. Kane liefert die Projektionsfläche.

Da ist zum anderen die deutsche Fußball-Seele, die sich an englischen Stürmern seit jeher an einer eigenen Messlatte abarbeitet. Hamann misst Kane an Gerd Müller, an Miroslav Klose, an der Idee des Stürmers als Solo-Spezialist. Boateng misst ihn an einer Ästhetik, in der Respekt und Regeltreue wichtiger sind als Effizienz. Beide argumentieren mit Regeln, beide meinen Interessen.

Was die Kritiker nicht leugnen können: Kane hat geliefert. 4:2 gegen Kroatien ist ein Auftakt nach Maß. Die nächsten Aufgaben heißen Ghana und Panama, danach beginnt die K.o.-Phase. Sollte Kane dort treffen, werden Hamann und Boateng die Frequenz neu justieren. So funktioniert das Geschäft. Der Störsender wird abgeschaltet, sobald das Signal eindeutig ist.

Bis dahin bleibt Kane das, was er immer war: ein Spieler, der den Elfmeter verschießt, analysiert, anpasst – und beim zweiten Versuch trifft. Die alten Meister mögen das nicht. Sie haben auch das Radio nicht gemocht, als es kam.

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