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Halbe Bestände, volle Versprechen

20. Juni 2026 — — — E. Wolff

Manche Zahlen lügen nicht. Sie werden nur so lange versteckt, bis jemand nach ihnen fragt.

Als Margaret Brennan am Sonntag dem Pentagon-Chef Pete Hegseth die einfache Frage stellte, ob die amerikanischen Munitionsvorräte für die Ukraine reichten, bekam sie die übliche Antwort. Stark. Stärker. Arsenal der Freiheit. Hegseth sprach von "lots of them" und "building more than ever before". Eine schöne Geschichte, perfekt fürs Kamerabild. Die Wahrheit steht auf Seite 47 der Kongreßprotokolle. Unter Eid sagte der gleiche Mann: Monate. Jahre. Wiederaufbau.

Das ist kein Widerspruch. Das ist Buchführung.

Im April legte das Center for Strategic and International Studies die Zahlen vor, die jeder kennt, der rechnen kann. Die US-Streitkräfte haben im Luft- und Raketenkrieg gegen den Iran mehr als 850 Tomahawk-Marschflugkörper verschossen. Mehr als 1.000 JASSMs. Zwischen 1.060 und 1.430 Patriot-Abwehrraketen. Mehr als die Hälfte des Vorkriegsbestands. Patriot, wohlgemerkt. Jenes System, das die Ukraine gerade selbst produzieren will, weil ihr die Vorräte ausgehen. Jenes System, von dem Hegseth sagt, es sei "great". Mehr als die Hälfte verbraucht, und der Mann sagt great.

Ich habe in der Handelskammer gesessen und Bilanzen gesehen, die genauso aussahen. Solange die Prüfer nicht kamen, war alles in Ordnung. Dann fehlten plötzlich Zahlen, die nie da waren, und die Männer in den Nadelstreifen erklärten den Arbeitern, warum der Gürtel enger mußte.

Hegseth nennt Brennans Hinweis eine "manufactured story that the media wants to peddle". Das ist das alte Lied. Wer die Zahlen nennt, ist der Feind. Wer die Zahlen verschweigt, ist Patriot. Brennan hat den einfachen Trick angewandt, den jeder Buchhalter kennt: Sie erinnerte ihn an seine eigenen Worte. Eid. Protokoll. Kongreß. Da steht nicht "great". Da steht Monate. Da steht Jahre. Da steht das Eingeständnis, daß das Lager leerer ist, als das Kamerabild vermuten läßt.

Wer profitiert, ist die Frage, die Brennan nicht stellte. Wer füllt die Lager wieder auf? Die gleichen Konzerne, die sie gebaut haben. Lockheed Martin. Raytheon. Northrop Grumman. Die Aufträge sind unterzeichnet, die Gewinne eingepreist, die Quartalsberichte notieren das Arsenal der Freiheit als Wachstum. Der Krieg leert die Regale, der Wiederaufbau füllt die Bilanzen. Das ist kein Unfall. Das ist ein Geschäftsmodell.

Hegseth sagt, die Biden-Regierung habe "hundreds of billions" an die Ukraine gegeben, und Trump müsse nun nachfüllen. Das klingt wie eine Anklage. Es ist eine Auftragsbeschreibung. Patriot-Interceptoren werden gerade nicht im großen Stil produziert, weil die Linie teuer und veraltet ist. Wenn die Ukraine jetzt selbst produzieren will, klingt das nach Souveränität, ist aber vor allem eine Drohung gegen das Monopol der amerikanischen Hersteller. Hegseth antwortet auf diese Drohung mit "supercharging our arsenal of freedom". Das ist die Sprache der Verkäufer, nicht des Strategen.

Es gibt ein altes Wort aus der Bankenwelt: cooking the books. Die Bücher werden so lange frisiert, bis sie der Aktionärsversammlung gefallen. Das Pentagon hat sich für eine Variante entschieden: Man gibt die Zahlen einfach nicht heraus. Die genauen Bestände seien klassifiziert. Was wir wissen, sind Schätzungen aus Budgetdokumenten, historischen Beschaffungsdaten und gemeldetem Schlachtfeldverbrauch. Das sind die Worte des Berichts, nicht meine. Die Bestände sind klassifiziert. Die Aussage, sie seien great, ist es nicht.

Ich rauche meine Pfeife zu Ende und rechne nach.

850 Tomahawks. Das sind keine Werbegeschenke. Eine Tomahawk kostet zwischen 1,5 und 2 Millionen Dollar. 1.000 JASSMs schlagen mit etwa 1,2 Millionen pro Stück zu Buche. Patriot-Interceptoren liegen bei rund 4 Millionen. Wer das zusammenzählt, kommt auf einen Verbrauch von acht Milliarden Dollar in einer einzigen Kampagne. Das ist die Rechnung, die im Pentagon keiner laut vorträgt, weil das Ende der Rechnung nachbestellen lautet. Nachbestellen heißt Aufträge. Aufträge heißt die nächste Quartalssitzung. Quartalssitzung heißt Börsenkurs.

Hegseth hat sich nicht verrechnet. Er hat umgerechnet. Aus Beständen wurden Verbrauchszahlen. Aus Verbrauchszahlen wurden Aufträge. Aus Aufträgen werden Versprechen an die Industrie. Das ist die wahre Bilanz der Freiheit. Sie geht nicht auf. Sie wurde nie zum Aufgehen geschrieben.

Die Kameras laufen weiter. Die Pfeife glüht. Die Männer in den Nadelstreifen erklären, warum andere den Gürtel enger schnallen müssen. Wer 1929 gewußt hat, was kommt, der weiß auch 2026, wohin die Rechnung führt. Die Bücher sind nicht ausgeglichen. Das war nie ein Versehen.

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