NEUES MASS, ALTE WAHRHEIT: Indiens heimlicher Tausch von WPI zu PPI
Neu-Delhi hat sich ein neues Maßband zugelegt. Und wie bei jedem neuen Maßband, das in die Hände derer fällt, die es am dringendsten brauchen, misst es plötzlich weniger.
Am 15. Juni 2026 veröffentlichte das Handels- und Industrieministerium erstmals Daten zum Producer Price Index — den PPI. Eine Sensation, sagen die einen. Eine kosmetische Operation, sage ich. Denn was Indien hier einführt, ist keine neue Wahrheit. Es ist eine neue Sprache für dieselbe Inflation. Und wer die Sprache kontrolliert, kontrolliert den Preis des Atems.
Die Zahlen zuerst. Zahlen lügen nicht — sie werden nur umgeschrieben.
Der Output PPI für Mai 2026 steht bei 109,6, nach 108,6 im April. Die Output-Inflation: 9,4 Prozent. Der WPI, der alte Maßstab, meldete für denselben Mai eine Teuerung von 9,68 Prozent. Ein Unterschied von 0,28 Prozentpunkten. Klingt nach wenig. Ist es auch. Aber 0,28 Punkte sind in einem Land mit über 1,4 Milliarden Mägen der Unterschied zwischen einer Schlagzeile und einer Legende. Zwischen einem, der sagt „die Preise explodieren", und einem, der sagt „wir haben alles im Griff".
Man hat den WPI nicht abgeschafft. Noch nicht. Fünf Jahre Gnadenfrist, heißt es offiziell. In dieser Zeit wird der PPI wachsen, gepflegt, zitiert, zur Gewohnheit werden. Und wenn dann der WPI in Rente geht, fragt niemand mehr nach. So funktioniert das Vergessen. Nicht mit einem Knall, sondern mit einer Pressemitteilung.
Das neue Basisjahr: 2022/23. Frisch gewählt, praktisch gewählt. 957 Waren sind erfasst. Manufactured Items tragen 69,93 Prozent des Gewichts. Ackerbau, Forst und Fischerei: 22,16 Prozent. Strom: 4,49 Prozent. Bergbau: 3,42 Prozent. Vier Zahlen, und sie erzählen dir, wer in diesem Index das Sagen hat. Wer 70 Prozent der Stimme bekommt, schreibt die Melodie. Es ist die Melodie der Fabrik. Nicht die Melodie des Marktes.
Der Input PPI für die verarbeitende Industrie liegt im Mai bei 104,9. Das ist der Preis, den Fabriken für das zahlen, was sie verarbeiten. Das ist der Schmerz, der vor der Ware liegt. Und genau dieser Schmerz wird künftig daran gemessen, ob die Produzenten ihre Kosten weitergeben können — oder ob die Margen schmelzen wie Eis in der Junisonne von Delhi.
Dann die Dienste. Sieben an der Zahl: Banken, Wertpapiergeschäfte, Versicherungen, Pensionsfonds, Eisenbahnen, Luftpassagierverkehr, Telekommunikation. Keine Gewichtung bisher. Keine Gewichtung! Sieben Sektoren, die zusammen einen Gutteil der indischen Wirtschaft tragen, werden erfasst, aber nicht gewogen. Man misst den Puls und sagt niemandem, ob er zu hoch oder zu niedrig schlägt. Eine experimentelle Übung, nennt es das Ministerium. Ich nenne es einen Vorhang.
Der Internationale Währungsfonds hat empfohlen, vom WPI zum PPI zu wechseln. Das klingt nach Aufklärung, nach internationaler Konvergenz, nach dem Marsch in die Moderne. Es klingt auch nach der leisen Stimme, die jedem Land, das gerade eine Währung stabil halten und eine Wahl gewinnen muss, zuflüstert: Messt es anders, dann sieht es besser aus. Der IMF empfiehlt. Indien gehorcht. Die Zentralbank folgt. Die Märkte applaudieren. Der Mann auf dem Basar in Pune merkt nichts.
Wer profitiert? Die Hersteller. Die exportorientierte Industrie. Die Industriebarone, die ohnehin zwischen Weltmarkt und Binnenmarkt auf der Kippe stehen und jeden Prozentpunkt Atemluft brauchen. Für sie ist ein Index, der die Herstellerpreise ins Zentrum rückt, kein Schrecken — er ist ein Schutzschild. Für den Mann, der auf dem Markt in Mumbai seine Zwiebeln wiegt, ändert sich nichts. Sein WPI steigt weiter, sein PPI steigt auch, und sein Hunger kennt keinen Index.
So also sieht der Übergang aus. Nicht mit einer Lüge, sondern mit einer Verschiebung. Indien hat entschieden, die Inflation künftig dort zu messen, wo sie erzeugt wird, nicht dort, wo sie erlitten wird. Das ist keine Statistik. Das ist eine Entscheidung über Macht.
Und Entscheidungen dieser Art stehen selten in den Schlagzeilen. Sie stehen in den Anhängen. In den Gewichtungen. In der Wahl des Basisjahres. In der experimentellen Erfassung von Diensten ohne Stimme. Wer das liest, versteht. Wer nicht liest, zahlt.
Ich rauche meine Pfeife weiter und beobachte die Kurven. Sie sind diesmal nur eine Spur flacher gezogen. Das genügt, um eine Geschichte zu erzählen, die niemand erzählen will.