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Die Zündler: Ben Gvirs Feuerrede und Trumps Schattenspiel

20. Juni 2026 — — Morrison, over and out.

Regen trommelt gegen die Scheibe der Redaktion. Bourbon steht unberührt neben der Schreibmaschine. Die Kaffeetasse ist kalt. Evelyn unten im Café singt etwas Langsames, das zu dem passt, was ich jetzt schreibe — nichts nämlich, was irgendjemand in dieser Stadt hören will.

Also: Ben Gvir, Minister im Kabinett einer Regierung, die sich gern als die letzte Demokratie im Nahen Osten verkauft, hat nach dem Tod israelischer Soldaten öffentlich gefordert, dass „ganz Libanon brennen muss". Keine Metapher. Keine verkürzte Pressemeldung. Ein Minister spricht so, als hätte er Petroleum unter den Nägeln und die Streichhölzer schon gezogen. Wer so redet, hat nicht vor zu verhandeln. Wer so redet, hat schon angefangen.

Was heißt das, in einer Sprache ohne Pathos übersetzt? Es heißt: Ein hochrangiger Politiker legitimiert die vollständige Zerstörung eines Nachbarlandes — während seine eigene Armee eine sogenannte Pufferzone tief im libanesischen Staatsgebiet unterhält. Pufferzone. Klingt nach Kartografie, nach Vermessung, nach nüchterner Militärplanung. Riecht aber nach Besatzung. Nach geräumten Dörfern. Nach zurückkehrenden Menschen, die zwischen den Trümmern ihres alten Lebens nur noch feststellen, dass nichts mehr steht, was sie fernhält. Libanesen gehen wieder in den Süden — nicht weil der Frieden gewonnen wäre, sondern weil die Zerstörung sie heimholt. Es ist die Rückkehr der Entwurzelten, getrieben von einem Brand, den sie nicht gelegt haben.

Vier Tote in Libanon. Israel hat es gemeldet. Frische Angriffe geflogen. Wieder vier Tote. Die Zahl wiederholt sich nicht zufällig. Sie ist das Einzige, was in solchen Bilanzen konsequent ist — die Gleichförmigkeit des Todes. Auf israelischer Seite: ein gefallener Soldat, mehrere Verletzte. Ein Soldat zu viel. Das Trauma ist real, der Schmerz echt, der Zorn nachvollziehbar. Aber aus dem Zorn eines Landes eine Brandrede für ein ganzes Nachbarland zu machen, das ist kein Schmerz mehr. Das ist Kalkül. Und genau hier beginnt das Schattenspiel, das mir den Schlaf raubt.

Die USA haben am 27. Februar mit Operationen begonnen. Datum steht. Ich kann es nicht wegblättern. Iran hat reagiert. Auch das ist notiert. Während die Maschinerie läuft, während Bomben fallen und Pufferzonen gezogen werden, tritt ein US-Präsident vor die Kameras und schlägt allen Ernstes vor, Syrien solle in den Libanon einmarschieren, um die Hisbollah zu bekämpfen — anstelle Israels. Lesen Sie das ruhig zweimal. Ein amerikanischer Präsident bittet ein anderes arabisches Land, in einen dritten souveränen Staat einzumarschieren, damit Israel die Hände nicht schmutzig machen muss. Oder sauber bleiben kann. Je nachdem, wem man die Geschichte auftischt.

Dann, kaum dass die Worte in der Welt sind, tritt ein hochrangiger US-Vertreter vor dieselben Kameras und sagt: Nein, der Präsident habe das nie erwogen. Man müsse das richtigstellen. Es sei nicht ernst gemeint, oder falsch wiedergegeben, oder vom Übersetzer entstellt — die Ausreden wechseln wie die Nummern einer schlecht einstudierten Varieté-Show. Was bleibt, ist die Asymmetrie. Einmal wird der Einmarsch ins Spiel gebracht. Einmal wird er dementiert. Beides aus dem gleichen Mundraum. Was einmal öffentlich gesagt wurde, lässt sich nicht zurücknehmen, auch nicht mit dem noch so offiziellen Dementi am nächsten Morgen. Der Riss bleibt. Und durch diesen Riss sieht man die Maschinerie.

Und jetzt wieder zurück zu Ben Gvir. Denn sein „alles muss brennen" fällt nicht in ein Vakuum. Es fällt in eine Woche, in der Israel eine Pufferzone unterhält, in der Libanesen in zerstörte Häuser zurückkehren, in der vier Menschen sterben und Angriffe frisch geflogen werden. Es fällt in eine Woche, in der Washington so tut, als koordiniere es, und gleichzeitig einem Drittstaat den Vorschlag macht, stellvertretend einzumarschieren. Es fällt in eine Woche, in der ein iranischer Vergeltungsschlag den ohnehin schmalen Grat zwischen Krieg und Nicht-Krieg noch dünner schleift.

Wer zündelt hier eigentlich? Wer reicht das Streichholz weiter? Wer profitiert davon, dass ein libanesisches Dorf dem Erdboden gleichgemacht wird, während ein Minister applaussicher erklärt, warum das alles noch nicht reicht? Die Antwort liegt, wie immer, nicht in den Pressekonferenzen. Sie liegt in den Waffenlieferungen, die nie erwähnt werden. In den Widersprüchen, die niemand aufklärt. In der Pufferzone, die niemand Pufferzone nennt, obwohl sie das Wort als Titel trägt wie ein sauberes Etikett auf einer schmutzigen Ware.

Manche nennen das Politik. Andere nennen es Krieg. Ich nenne es einen Zirkus, in dem die Artisten mit echtem Feuer spielen und das Publikum zu Hause vor dem Radio sitzt und sich wundert, warum die Welt so schnell brennt.

Die Zuschauer zahlen den Eintritt trotzdem. Jeden Morgen. Mit jeder Tasse Kaffee, die kalt wird, während man die Schlagzeilen liest.

Und Ben Gvir? Der wird morgen wieder reden. Und Trump wird morgen wieder etwas vorschlagen, das sein eigener Stab am Tag darauf dementiert. Und die Pufferzone bleibt. Und die vier Toten bleiben. Und die Libanesen, die in ihre Ruinen zurückkehren, bleiben.

Nur das Wetter bessert sich manchmal.

Das hier nicht.

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