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Was am Eurosatory nicht gesagt wurde

20. Juni 2026 — — — Kastner

Villepinte bei Paris, dieser Tage. Eine Messehalle, in der die Zukunft des Tötens ausgestellt wird wie auf einem Basar — nur teurer, nur ehrlicher in ihrer Verachtung der Scham. Zweitausend Aussteller, Militärs in ihren gesteppten Westen, Politiker mit sorgfältig gepflegten Händen. Man trifft sich, man lächelt, man spricht von "Souveränität", als wäre das Wort noch eine Währung.

Und in der Mitte dieser Bühne, auf der die europäische Rüstungsindustrie sich selbst feiert wie einst die Waffenschmiede von Toledo ihr Handwerk, da steht, unsichtbar für die meisten, das Skelett eines Versprechens, das vor neun Jahren gemacht wurde. FCAS. Das Future Combat Air System der sechsten Generation. Der Heilige Gral europäischer Eigenständigkeit, geboren aus der Angst vor einem einzigen Mann in Washington.

Ich erinnere mich an Genf. An Räume, in denen dieselben Hände dieselben Dokumente unterschrieben, während die Tinten noch nicht trocken waren, schon die Ausstiegsklauseln verhandelt wurden. Es ist ein altes Spiel. Man gibt sich Haltungsnoten, solange es billig ist, und verschwindet, sobald die Rechnung kommt.

2017 also. Brexit. Trump. Emmanuel Macron, noch im Glanz seiner ersten Amtszeit, und Angela Merkel, die Kanzlerin, die überlebt hatte, weil sie das Überleben zur Methode gemacht hatte. Man präsentierte der Welt ein gemeinsames Kampfflugzeug als Reaktion auf eine geopolitische Kränkung. Eine Geste. Eine wunderbare, fotografierbare Geste. Dazu flankiert von einem Panzerprojekt — MGCS, Main Ground Combat System — bei dem Deutschland die Führung übernehmen sollte, weil die Franzosen bei den Jets führen wollten. Eine Arbeitsteilung wie zwischen zwei Tänzern, von denen keiner dem anderen wirklich die Schulter überlassen will.

Nun, neun Jahre später, ist die Geste verwelkt. "Deutschland und Frankreich haben dem Kampfflugzeug der sechsten Generation de facto den Todesstoß versetzt", schreibt die Deutsche Welle. Das Herzstück des Luftkampfsystems wird nicht gemeinsam gebaut. Punkt.

Und nun wird es interessant. Denn interessant wird es immer dort, wo die Kameras gerade nicht hinsehen. Catherine Vautrin, die französische Verteidigungsministerin, sparte das Thema bei ihrer Eröffnungsrede am Montag aus. Man schweigt, wenn man nichts mehr zu sagen hat. Oder wenn man zu viel zu verbergen hat. Angesichts voller Auftragsbücher — Hunderte Milliarden fließen derzeit in die europäische Aufrüstung, getrieben von einer Angst, die in Washington neuerdings höflich formuliert wird — könnte die Stimmung "kaum besser sein", schreibt man. Kaum. Ein Wort wie ein Vorbehalt.

Hinter dem Vorhang passiert anderes. Armin Papperger, der mächtige Chef von Rheinmetall, goss am vergangenen Wochenende weiteres Öl ins Feuer. In der "Welt am Sonntag" erklärte er, Paris erwäge, das Budget für MGCS drastisch zu kürzen. Entschieden sei noch nichts — diese Formulierung kenne ich. Sie bedeutet: die Entscheidung ist längst gefallen, man wartet nur auf den Moment, in dem sie niemandem mehr auffällt. Ulrike Franke vom European Council on Foreign Relations sagt im Deutschlandfunk, was Insider längst wissen. "In Wahrheit sei das Panzerprojekt schon seit Beginn schwieriger und schleppender verlaufen als FCAS."

Schleppender. Schwieriger. Die diplomatischen Adjektive für: es funktioniert nicht, es hat nie funktioniert, und wir wollen es nur nicht sagen.

Aus dem deutschen Verteidigungsministerium heißt es — und hier wird das Netz enger, hier wird es kalt —, man habe sich darauf geeinigt, MGCS "plattformunabhängig" weiterzuentwickeln und sich auf den "Kern des Programms" zu konzentrieren. Plattformunabhängig. Ein Wort wie ein Nebelvorhang. Ob damit der gemeinsame Kampfpanzer obsolet ist? Offen. So sagt man: offen. So sagt man: nein, aber wir können es nicht zugeben.

Macron hat es mehrfach gesagt: Wenn FCAS scheitert, stirbt auch MGCS. Das ist keine Drohung. Das ist eine Logik. Zwei Projekte, ein politisches Testament — oder das, was wir dafür hielten. Fällt eines, fällt das andere. Die europäische Rüstungsarchitektur, wie sie 2017 erträumt wurde, war nie ein Bauwerk. Sie war ein Versprechen vor Kameras, an Wähler, an Märkte.

Was bleibt? Hunderte Milliarden, die fließen — aber wohin? In nationale Rüstungsschmieden, in bilaterale Absprachen, die niemand mehr "europäisch" nennt. Was 2017 als Souveränität verkauft wurde, war von Anfang an Konkurrenz in Verkleidung. Die Franzosen wollten Dassault alimentieren. Die Deutschen Rheinmetall. Man einigte sich auf das kleinste gemeinsame Symbol — ein Flugzeug, ein Panzer — und hoffte, die Industrie werde den Rest schon richten.

Das hat sie nicht. Die Industrie ist, was sie immer war: ein Spiegel nationaler Interessen, die sich als europäische tarnen.

Und so stehen wir am Eurosatory 2026 in Villepinte bei Paris, vor Modellen, die fliegen könnten, und Panzern, die rollen könnten, und Ministern, die "plattformunabhängig" sagen, während sie längst nationale Lösungen verhandeln. Wer in diesen Hallen etwas auf sich hält, präsentiert sich alle zwei Jahre. Wer wirklich etwas auf sich hält, weiß: Manches wird nicht gebaut. Es wird nur angekündigt. Mit großer Geste, mit großer Fotografie, mit großem Wort.

Ich trage Handschuhe beim Schreiben. Nicht weil ich friere. Sondern weil man auf derlei Papieren keine Spuren hinterlassen sollte.

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