Ein Stuhl in Makerfield, und Throne wackeln
Manche Stühle sind mehr als Möbel. Sie sind Architektur, sie sind Versprechen, sie sind — wenn man sie rückt — Revolutionen. In dieser Woche nun, in einer Arbeiterstadt im Norden Englands, wurde einer dieser Stühle gerückt, und seither bebt das politische London, als hätte jemand in den Fundamenten von Westminster ein Streichholz entzündet.
Makerfield. Ein Name, den kein Diplomat sich merken musste, den keine Landkarte hervorhob. Eine Stadt, blau-weiß durchfärbt, Labour durch und durch, das Herz jenes alten Englands, das noch glaubt, die Welt beginne dort, wo die Fabrik endet. Doch diesmal war es kein Zufall, dass just hier gewählt wurde. Es war ein Kartenhaus, das jemand vorsichtig, präzise, mit der Lust des Chirurgen umstieß.
Der Architekt dieses Umsturzes trägt einen Bürgermeistermantel und heißt Andy Burnham. Einst Minister unter Tony Blair, eine Figur aus jener Ära, als Labour noch den Anschein erweckte, die Welt verbessern zu wollen, ohne sie zu zertrümmern. Heute ist er der Mann von Manchester, der Volksheld des Nordens, der Retter der sterbenden Partei — und gleichzeitig ihr Henker, denn er demoliert den amtierenden Premierminister Keir Starmer mit einer Grandezza, die einem Cromwell zur Ehre gereicht hätte. Zu diesem Zweck wurde der amtierende Labour-Abgeordnete höflich gebeten, seinen Sitz zu räumen. Man nennt das in der Politik einen „freiwilligen Rückzug". In Wahrheit ist es ein Manöver, so alt wie die Macht selbst.
Und Burnham? Er gewann. Nicht haushoch, nein — auf Messers Schneide, nach Wochen der Demütigung, des Zweifels, der eiskalten Berechnung. Denn so funktioniert es: Wer den Thron will, muss durch das Tal der Demut hindurch, und am Ende steht er dort mit einer Ikone in der Hand und sagt: „I want a big state Britain." Verstaatlichung der Versorger. Ein Echo von Jeremy Corbyn, jenem Mann, den Labour einst für untragbar hielt und der nun, in Burnhams Mund, als sanftes Versprechen wiederaufersteht. So schnell wandeln sich die Todsünden der einen Generation zu den Glaubensartikeln der nächsten.
Nun also die Drohung, vorgetragen von Verbündeten. Louise Haigh, einstige Schattenministerin, heute Botin der Kälte: „Leave quietly or face a brutal, unpleasant fight." Eine Sprache, wie man sie in Hinterzimmern spricht, mit Handschuhen an, mit Blick zur Tür. „Resign in days or face a coup" — die Überschrift schrieb sich von selbst. Und mittendrin, wie immer in England, wenn das Königshaus wankt, taucht der Mann auf, der das Königshaus nie geliebt hat: Nigel Farage.
Farage. Ein Name wie ein Versprechen, wie eine Drohung, wie der Geruch von Pfeifenrauch in einem Pub, der bessere Tage gesehen hat. Er führte die Revolte, die man Brexit nannte — ein Wort, mittlerweile so ausgehöhlt wie die Versprechen, die es trug. Sein Reform-Lager lag in Makerfield Nacken an Nacken mit Labour, und wäre die Luft rein gewesen, hätte er die Wahl womöglich gewendet. Doch die Luft war nicht rein. Defekteure aus den verachteten Konservativen, die nie anders konnten als überzulaufen, brachten den Geruch des Verrats mit. Kehrtwendungen, Spott der Straße. „Reform's bubble burst", schrieb man daheim. Farage, der Mann, der das Wetter machte, steht im Regen und meidet das Licht. Seine alte Formel — Masseneinwanderung, Islamismus, die Rettung der westlichen Identität — verfängt nicht mehr bei jenen, die sie einst erfanden.
Und während in Westminster die Stühle rücken, rückt Brüssel näher. Am 22. Juli, so heißt es, will Starmer seinen „Reset"-Deal mit der EU unterzeichnen — jenes Abkommen, das Boris Johnson, der Mann mit dem struppigen Haar und der größten Stimme des Jahrhunderts, vor wenigen Tagen noch als den endgültigen Verrat bezeichnete. „Any politician would have to be out of their tiny mind", schrieb er, „to campaign for Britain to rejoin the EU." Zehn Jahre nach dem großen Votum, und nun, leise, fast schüchtern, klopft die alte Herrin wieder an die Tür.
Was das mit Öl zu tun hat? Alles. Denn während die Lords sich streiten, wechselt das Imperium leise die Hände. Essar, ein indisches Konglomerat, und IRH aus Dubai — deren glatte Firmennamen mehr verbergen, als die Pressemitteilung preisgibt — haben dieser Tage eine Vereinbarung über eine halbe Milliarde Dollar unterzeichnet, um die Stanlow-Raffinerie im Vereinigten Königreich mit Rohöl zu versorgen. „Strategically important", sagen die einen. Strategisch wichtig, sage ich. Die Insel, die einst die Welt mit Kohle wärmte, wird nun von jenen geheizt, die früher am Rand ihrer Karten standen. Es ist die unsichtbare Übergabe, die nie in den Reden der Premierminister erwähnt wird, weil sie kein Wahlkampfthema ist und keine Träne wert.
Das ist England im Jahre 2026, meine Damen und Herren. Ein Land, das sich selbst nicht mehr erkennt, gefangen zwischen einem Premier, der gehen soll, und einem Emporkömmling, der kommt. Zwischen einem Volk, das die Eliten hasst und zugleich die Fabrik schließt, und einer Regierung, die London klimatisiert und den Norden vergisst. Zwischen einem Brexit, der nie einer war, und einer EU, die nie ganz ging. Zwischen Öl aus Dubai und Brennstoff für die heimische Raffinerie, zwischen Manchester und Brüssel, zwischen Burnham und Farage.
Ich habe in Genf Verträge gesehen, die nie eingehalten wurden. Ich habe Männern in die Augen geschaut, die lächelten, während sie logen. Und ich sage Ihnen: Wer in Makerfield nur einen Stuhl rücken sah, hat nicht hingesehen. Wer einen König fallen und ein neues Spiel beginnen sieht, hat die Karten noch nicht gezählt. Die Partie ist eröffnet. Die Züge werden gemacht. Und am Ende, wie immer, werden dieselben Hände dieselben Felder bestellen — nur diesmal mit neuen Gesichtern und alten Versprechen.