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23,3 MILLIARDEN NEU, 11,7 FÜR DIE ZINSEN – UND LONDON SCHAUT WEG

20. Juni 2026 — — — E. Wolff

Die Stadt riecht wieder nach Schwefel. Nicht nach Kohle, nicht nach Tee – nach Schwefel.

Im Mai hat dieses Königreich 23,3 Milliarden Pfund geliehen. Eine Zahl, die in der Handelskammer durchgeht wie eine Faust durch dünnes Porzellan. 5,4 Milliarden mehr als im Vorjahresmonat. Smashing past official forecasts – so die Bürokratensprache. Man kann auch sagen: Das eigene Rechenwerk hat sich selbst nicht geglaubt.

Davon allein 11,7 Milliarden für Zinszahlungen auf die bestehende Staatsschuld. Der höchste Mai-Wert, der je in den Büchern stand. Der Staat nimmt Geld auf, um Geld für Geld zu bezahlen. Im Treasury nennt man das Liquiditätsmanagement. Im East End nennt man das einen Schwimmring, der sich selbst aufpumpen muss.

Die Einnahmen? Gestiegen, durchaus. 6,9 Milliarden Pfund mehr an Steuern als im Vorjahresmai. Klingt fast nach Erfolg – bis man die Ausgabenseite umblättert. Die Ausgaben wuchsen schneller. Jeder zusätzliche Penny auf der linken Seite des Hauptbuchs wurde von zwei Pennies auf der rechten geschluckt. Die Schere geht auf, nicht zu.

Über die ersten beiden Monate des Finanzjahres summiert sich die Neuverschuldung auf 46,3 Milliarden Pfund. 8,9 Milliarden mehr als im Vorjahreszeitraum. 7,7 Milliarden über dem, was das OBR – das Büro für Haushaltsverantwortung – im März selbst vorausgesagt hat. Sieben Komma sieben Milliarden. Das ist kein Rundungsfehler. Das ist eine eigene Lüge, frisch gedruckt und an die Öffentlichkeit verkauft.

Man muss diese Zahlen nicht erklären. Man muss sie nur laut aussprechen. In einem Raum mit echten Wänden.

Dann kam Burnham.

Andy Burnham, Bürgermeister von Manchester, gewann eine Nachwahl. Die City reagierte, bevor die Siegesrede zu Ende gesprochen war. Die Renditen für zehnjährige Staatsanleihen – die Gilts, das Rückgrat der britischen Staatsfinanzen – sprangen von 4,76 auf rund 4,85 Prozent. Klingt nach wenig. Ist es nicht. Neun Basispunkte, wenn der Markt ohnehin nervös ist, das ist kein Zittern. Das ist ein Urteil. Die Bondhändler in der City haben nicht gevotet. Sie haben gewogen.

Rob Wood, Chefvolkswirt eines der großen Häuser, formulierte es so zurückhaltend, wie das seine Zunft verlangt: Burnhams Sieg werde „wahrscheinlich den Druck auf die Renditen erhöhen". Wahrscheinlich. Als gäbe es ein Szenario, in dem 46,3 Milliarden neue Schulden in acht Wochen keine Zinsen kostet.

Die Rechnung ist alt und sie ist gnadenlos: Mehr Schulden, höhere Zinsen, mehr Zinslast, noch mehr Schulden. Die Spirale dreht sich von selbst. Man braucht keinen linken Ministerpräsidenten, um sie in Gang zu setzen. Aber eine politische Wende nach links in einer solchen Lage wirkt auf den Anleihemarkt wie ein rotes Tuch auf einen Bullen, der ohnehin schlecht geschlafen hat.

Natürlich muss man der Fairness halber hinzufügen – und nur der Fairness halber: Die Renditen stiegen quer durch Europa. Der Nahe Osten knarrt, Friedenshoffnungen zerbröseln, das Geld sucht Sicherheit und findet sie nirgends. London ist nicht allein schuld an diesem Rauschen.

Aber London ist allein verantwortlich für seine Bücher.

In den nächsten Tagen werden die Männer in den Nadelstreifen erklären, warum der Gürtel enger muss. Sie werden „schmerzhafte Entscheidungen" ankündigen – das Wort, mit dem Banker immer dann um die Ecke kommen, wenn es um das Geld anderer Leute geht. Sie werden Sozialkürzungen fordern, während die Zinsrechnung an internationale Gläubiger fließt. Sie werden „Strukturreformen" verlangen, als ließe sich ein Haushaltsdefizit mit PowerPoint-Folien heilen.

Alex Brummer hat es gestern in dieser Zeitung schon angedeutet: Burnham müsse die Wirtschaft stärken. Unternehmen, Wachstum, frischer Wind. Alles richtig. Alles zu spät. Wachstum tilgt keine 11,7 Milliarden Zinsen im Mai. Wachstum tilgt nicht einmal die 7,7 Milliarden, die das eigene OBR nicht kommen sah.

Asda, einer der großen Lebensmittelhändler des Landes, rutschte derweil in einen Verlust von fast einer Milliarde Pfund. Ein einzelner Konzern, ein einzelnes Quartal. Die Konsumenten haben kein Geld. Die Unternehmen haben kein Geld. Der Staat leiht sich Geld, um die Zinsen für geliehenes Geld zu bezahlen.

Das ist kein Konjunkturzyklus. Das ist ein Kartenhaus, und der Wind kommt aus jeder Himmelsrichtung.

In der Handelskammer, dort wo ich diese Zahlen zum ersten Mal durchging, rauchten sie noch Zigarren und nannten es solide Fundamentals. Heute rauchen sie nicht mehr. Heute verkaufen sie.

Die Renditekurve spricht. Sie spricht lauter als jeder Schatzkanzler, lauter als jede Oppositionsrede, lauter als jede Wahlurne. 4,85 Prozent auf zehn Jahre – das ist kein Misstrauen. Das ist ein Preisschild.

Und Preisschilder lügen nicht.

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